Zwischenruf: Die Kanzlerin und die Kultur

Von Detlef Brandenburg am 22.04.2020

Ich hätte nicht gedacht, dass ich nach meinem gestrigen Krisentagebuch heute gleich wieder in die Tastatur greifen würde. Und hätte mich auch nicht darum gerissen. Aber es geht nicht anders, denn ich bin – wütend? Verstört? Ratlos? Am ehesten wohl alles zusammen. Aber der Reihe nach: Mit das erste, was ich heute auf dem Handy fand, war eine SMS des eines befreundeten Bühnenbildners, der mich auf einen Artikel in der FAZ aufmerksam macht. Erschienen ist der Text im Wirtschaftsteil, sein Thema sind Angela Merkels Ablehnung der Eurobonds, die sie wenige Tage vor dem EU-Gipfel zu Hilfen wegen der Corona-Pandemie noch einmal erläutert. Die FAZ zitiert die deutsche Kanzlerin in diesem Kontext gleich im ersten Absatz so: „Die gemeinsamen Anleihen seien der falsche Weg, sagte Merkel am Montag im CDU-Präsidium nach Angaben von Teilnehmern. Die Kanzlerin forderte demnach auch, in Deutschland bei allen Hilfen die Rückwirkung auf die EU-Debatte zu berücksichtigen. Deshalb solle sich die Bundesregierung auf zentrale Bereiche der Wirtschaft konzentrieren, statt immer neue Versprechen zu machen. Wenn etwa auch Künstler mit Steuergeld gerettet werden sollten, werde man dies in Spanien und Italien vermerken und darauf verweisen, dass Deutschland offensichtlich über genug Geld verfüge.“

Nun muss man zunächst zweierlei beachten: Das war erstens weder eine Regierungserklärung noch eine Pressekonferenz, sondern eine interne Äußerung vor dem CDU-Präsidium. Und das Zitat beruft sich, zweitens, auf die diffuse Quelle „Angaben von Teilnehmern“. Haben sie die Kanzlerin vielleicht missverstanden? Hat sie sich missverständlich geäußert? Ich weiß es nicht, kann es nicht wissen, ich war ja nicht dabei. Aber man darf annehmen, dass die Kommunikation zwischen Angela Merkel und dem CDU-Präsidium einigermaßen eingespielt ist, ebenso wie es für die Zitatform „Angaben von Teilnehmern“ in der Presseszene der Bundeshauptstadt eingespielte Kontrollmechanismen gibt. Anders formuliert: Man darf annehmen, dass die „Teilnehmer“ in der Lage waren, die Kanzlerin richtig zu verstehen; und dass die Hauptstadt-Korrespondenten der FAZ in der Lage sind, solche Zitate gegenzuchecken, bevor sie sie in die Öffentlichkeit blasen.

Vieles spricht also dafür, dass man hier wie durch einen Schlitz im Vorhang der öffentlichen Selbstdarstellung aufgeschnappt hat, wie hinter verschlossenen Türen und jenseits der Sonntagsreden über Kultur wirklich gedacht wird im bundespolitischen Berlin. Wir wären damit Zeugen einer ernüchternden Geringschätzung der Kultur geworden. Denn Angela Merkel findet die Rettung der Künstler ja nicht etwa deshalb bedenklich, weil dafür zu wenig Geld da wäre, sondern weil sie glaubt, dass Deutschland dadurch in Europa noch stärker unter Legitimationsdruck geriete. Anders formuliert: Die Kanzlerin scheut sich, in Europa für die Rettung der Künstler geradezustehen. Und zwar deshalb, weil sie im Kontext des deutschen Staates (und damit bin ich wieder beim Thema des gestrigen Krisentagebuches) die Kunst im Gegensatz zu „zentralen Bereichen der Wirtschaft“ für nicht systemrelevant hält, sondern offenbar nur für eine weniger relevante Beigabe, die man über Bord wirft, wenn es im europäischen Diskurs ungemütlich wird.

Das wiederum wäre ein Hinweis auf eine schleichende Neudefinition von Deutschlands staatlichem Selbstverständnis vor dem Hintergrund der Corona-Krise. Denn Deutschland war lange – sogar schon vor seiner politischen Einigung – immer stolz darauf, Kulturnation zu sein. Ohne Kunst und Kultur wäre die Einheit dieser Nation so vermutlich so gar nicht denkbar gewesen. In entscheidenden Krisen und Kämpfen hat die Kultur das Selbstverständnis dieses Landes immer an vorderster Stelle mitgeprägt. Nicht immer zum Guten, das muss man ehrlicherweise festhalten. Es gab und gibt in der deutschen Kultur- und Kunstgeschichte abscheuliche Ausfälle ins Nationalistische, Antisemitische, Völkische oder Xenophobische. Dennoch war die Kultur stets von fundamentaler Bedeutung, wenn es darum ging, über staatliche Strukturen, administrative Regelungen, gesetzliche Normen und territoriale Grenzziehungen hinaus im Bewusstsein der Deutschen einen sozialen Zusammenhalt, ein Gefühl von Zugehörigkeit, von Koexistenz zu stiften.

Dieses soziale Bindemittel, dieser künstlerische Denk- und Vernetzungsraum verliert offenbar in Berlin an Ansehen. Zu Unrecht, wie Deutschlands nicht nur materieller, sondern auch kultureller Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, die Neudefinition des staatlichen Selbstverständnisses in den Auseinandersetzungen von Achtundsechzig oder auch die friedliche Selbstbefreiung der DDR 1989 nochmals eindrücklich gezeigt haben. An all diesen Umwälzungen waren Kunst und Kultur zentral beteiligt. Und gerade die Theater haben sich in den letzten Jahren massiv eingebracht in die gesellschaftliche Integration von sozial Benachteiligten, Globalisierungsverlierern, migrantischen Milieus, von bildungsfernen Jugendlichen, Menschen mit Behinderung, und, und, und…

Vielleicht sollte jemand die Kanzlerin daran erinnern. Vielleicht ist das in Bayreuth, wo Angela Merkel regelmäßig die Festspiele besucht, ja auch nicht immer ganz so gut zu erkennen wie in Bremen, Dresden oder Dortmund. Hat sie das im CDU-Präsidium vielleicht aus den Augen verloren? Oder ist sie doch missverstanden worden? Dann sollte sie dieses Missverständnis aus der Welt schaffen. Eine Geste von ihr an die Künstler dieses Landes war vor dem Hintergrund der Corona-Krise schon lange überfällig. Ist das zu viel verlangt von der deutschen Bundeskanzlerin?

(Anmerkung: Im Kulturausschuss des Bundestages hat MdB Frau Motschmann (CDU) Angela Merkels Bemerkung zur Hilfe für die Künstler in der FAZ relativiert: In der Fraktionssitzung der Union am Dienstag hätte die Bundeskanzlerin gesagt, dass ihr zwei Bereiche besondere Sorgen bereiteten, neben Tourismus und Gastronomie die Kreativwirtschaft und die Kultur. Man müsse nicht alles glauben, was in der Zeitung steht. Näheres dazu hier ab Minute 49:
Der FAZ-Artikel stand allerdings auch danach noch unverändert bei faz.net)