Nachruf: Der Streitbare

Von Detlef Brandenburg am 07.06.2022 • Bild: Jörg Landsberg
Das Bild zeigt: Klaus Pierwoß, von 1994 bis 2007 prägender Intendant des Bremer Theaters

Klaus Pierwoß war ein Charakterintendant. Da er nicht selbst inszenierte, fiel er eigentlich unter den Typus des Managerintendanten. Aber der Titel „Manager“ war definitiv das Letzte, was einem zu seiner Persönlichkeit eingefallen wäre. Mit seiner künstlerischen Konsequenz, seinem verschmitztem Humor, vor allem aber mit seiner stiernackigen Streitlust wirkte er mit zunehmendem Alter wie ein erratischer Solitär in der deutschen Theaterlandschaft. Nach seiner Promotion über den österreichischen Architekten, Theaterenthusiasten und Bühnenbild-Pionier Emil Pirchan startete Pierwoß 1971 als Dramaturg am Landestheater Tübingen, zog von dort zum Nationaltheater Mannheim, kehrte als Intendant zurück nach Tübingen und wurde 1985 Nachfolger von Jürgen Flimm am Kölner Schauspielhaus. Hier war er 1989 der erste Intendant, der den ostdeutschen Regisseur Frank Castorf mit einer „Hamlet“-Inszenierung an ein westdeutsches Theater holte.

Bremer kulturpolitische Kämpfe

Vor allem aber prägte Klaus Pierwoß von 1994 bis 2007 auf seine unverwechselbare Weise das Bremer Theater. Gerade auch im Musiktheater setzte er konsequent auf zeitgenössische Werke und zeitgemäße Regisseure und wurde dafür von der Stiftung Verband Deutscher Bühnen- und Medienverlage mit deren 2007 erstmals vergebenem Theaterpreis ausgezeichnet. Pierwoß förderte Opernkomponisten wie Detlev Glanert oder Johannes Kalitzke, gab jungen Regisseuren wie Tilman Knabe oder altgedienten Berserkern wie Johann Kresnik ihren Ort am Haus und vor allem: Er versteckte das Zeitgenössische und Sperrige nicht in irgendwelchen Nischen der Spielplandramaturgie, sondern holte es ins große Haus und zog es durchs Abonnement. Dass ihm die Bremer Kulturpolitik seine Verdienste gedankt hätte, kann man letzterer allerdings kaum nachsagen. So wie Pierwoß‘ Bremer Intendanz in ihrem konsequent gegenwärtigen und spartenübergreifenden Ansatz eine Zeit künstlerischer Höhenflüge war, so war sie eine Folge politischer Konflikte, meist ausgelöst durch gebrochene Finanzierungszusagen, zuverlässig befeuert durch Pierwoß‘ sprühendes Talent zur öffentlichen Polemik. Und als die Politik ihn mit einem Maulkorb gegenüber der Presse zum Schweigen bringen wollte, da schickte Klaus Pierwoß den entsprechenden Brief – na wohin wohl? An die Presse natürlich!

Pierwoß und der SV Werder Bremen

Dabei war Pierwoß in seinen Mitteln des Protests und der Agitation unnachahmlich humorvoll. Unvergessen das Plakat mit dem damaligen Werder-Bremen-Startrainer Otto Rehhagel im etwas zu großen Dirigentenfrack und dem Schwergewicht Klaus Pierwoß im etwas zu knappen Werder-Höschen; die damals berühmten roten Boxhandschuhe, die er in Anerkennung seiner rhetorischen Schlagkraft verliehen bekam und postwendend zum Theaterplakatmotiv machte; oder die legendäre Tandem-Fahrt im Weserstadion: Aus Solidarität mit Werder Bremen im Bundesliga-Abstiegskampf 1999 radelte Pierwoß im grün-weißen Trikot gemeinsam mit dem damaligen Bürgermeister Henning Scherf durch die Hansestadt ins Stadion und wurde dort von den Fans mit La Ola begrüßt. Seit 1995 war Pierwoß Mitglied beim SV Werder Bremen, mit Cheftrainer Thomas Schaaf war er befreundet, 2013 wurde er Ehrenmitglied des Vereins, aus Anlass seines Todes veröffentlichte der SVW auf seiner Homepage jetzt einen ausführlichen Nachruf.

Im April 2004 verabschiedete sich Klaus Pierwoß in der Deutschen Bühne mit Worten, die ihn besser charakterisieren, als jeder Beobachter das könnte: „Ich werde die Stadt Bremen als Zerrissener verlassen: Geschädigt durch die Theaterpolitik von Bewusstseinszwergen, euphorisiert durch die künstlerischen Potentiale des Bremer Theaters, die Reaktionen der Zuschauer und der Bremer Öffentlichkeit.“ Am Pfingstsonntag ist dieser zerrissene Theaterbegeisterte kurz vor seinem 80. Geburtstag verstorben.