Aktuelles: Das Deutsche Theater Berlin auf Gastspiel in Liechtenstein

Von Antonia Ruhl am 26.05.2021 • Bild: Antonia Ruhl
Das Bild zeigt: Der Truck des Deutschen Theaters am TAK in Schaan/Liechtenstein

Als eins der ersten Theater reist das DT Berlin wieder – wenn auch „nur“ mit einer kleinen Produktion, „Am Boden“ von George Brant. Unsere Mitarbeiterin Antonia Ruhl ist Regieassistentin dieser Produktion und war  Teil der Reiseleitung der Tournee. Ein Erlebnisbericht über eine Theaterreise in Corona-Zeiten:

Als Mitte April das Künstlerische Betriebsbüro anrief, gerieten nicht wenige Beteiligte in Entscheidungsnot: ein Gastspiel während einer Pandemie? In Liechtenstein? Schon am Pfingstwochenende? Dass ein paar Tage später dann doch alle zugesagt hatten, lag ganz offensichtlich an der reizvollen Aussicht, endlich wieder stattfinden zu können – und seit langer Zeit die ersten Vorstellungen vor physisch anwesendem Publikum zu spielen.

 

Plakate im Kassenhäuschen ©Antonia Ruhl

Plakate im Kassenhäuschen des TAK Theater Liechtenstein, darunter das von „Am Boden“, das am 21. und 22. Mai hier gespielt wurde ©Antonia Ruhl

Geplant war das Gastspiel von „Am Boden“ schon länger. Thomas Spieckermann, Intendant des gastgebenden TAK Theater Liechtenstein, interessierte sich für George Brants Monologtext, der dem Alltag und inneren Erleben einer Kampfpilotin auf den Fersen ist, die wegen ihrer Schwangerschaft von Lufteinsätzen auf die Erde wechselt: Von einem klimatisierten Container in der Wüste aus steuert sie Drohnen und verantwortet horrende Abschüsse. 2013 in San Francisco unter dem Originaltitel „Grounded“ uraufgeführt, ist das Stück seit 2015 auf deutschen Bühnen zu erleben. 2019 brachte Anna Berndt eine auf gut 30 Seiten verdichtete Stückfassung in der Box des Deutschen Theaters zur Premiere. Anja Schneider führt als Pilotin den Prozess von einer siegesgewissen, machtbewussten modernen Kriegerin zu völliger psychischer Zerrüttung in Höchstkonzentration vor, live unterlegt von Matze Pröllochs‘ atmosphärischen, entrückenden Sounds. Zwei Jahre später ist das Thema der bewaffneten Drohnen in der gesellschaftlichen Debatte nicht wirklich präsenter, dabei weniger vom Tisch denn je.

 

Anja Schneider in „Am Boden“, inszeniert von Anna Berndt @ Arno Declair

Anja Schneider in „Am Boden“, inszeniert von Anna Berndt ©Arno Declair

Auch weil der Abend am Deutschen Theater nur unregelmäßig gezeigt werden konnte, schätzt unser Team die nochmalige Spielgelegenheit am TAK. Mit an Bord sind zwölf Personen: Spielerin, Musiker, Licht, Video/Ton, Maske, Requisite, Ankleiderin, Bühnentechnik, KBB-Reiseleitung und meine Wenigkeit als Regieassistenz. Von Berlin ist es eine gute halbe Tagesreise ins Fürstentum. Nach dem Flug nach Zürich steigt man in den Zug nach Sargans um, wo uns bereits ein Kollege aus dem TAK erwartet und ins Hotel im Hauptstädtchen Vaduz bringt. Das durch die Pandemiebestimmungen verkomplizierte Reisen verlangte unserer Reiseleiterin und KBB-Mitarbeiterin Christine Drawer einiges ab: Vor dem Hin- wie dem Rückflug war pro Person je eine Einreiseanmeldung und ein negatives PCR-Testergebnis vorzuweisen, das nur wenige Stunden alt sein durfte. Die Testergebnisse müssen dem RKI gemeldet, ein dringender Reisegrund von beiden Theatern bescheinigt und die Befreiung von der Quarantänepflicht nach der Reise beantragt werden. Und wäre der Befund einer oder eines Mitreisenden vor Ort positiv gewesen, hätten ihn oder sie 10 Tage Vaduzer Hotelzimmer erwartet. Bühnenbild, Kostüme, Requisite und technisches Equipment reisen parallel im LKW-DT-Anhänger über die Grenze.

Hinsichtlich der Bewältigung der Pandemie scheint Liechtenstein Deutschland einen Schritt voraus zu sein. Mit den Impfungen geht es schon länger zügig voran, gleichzeitig mangelt es an Impfwilligen – Umfragen zufolge seien es nur etwa 50%, berichtet der TAK-Intendant beim gemeinsamen Abendessen nach unserer Vorstellung. Dieser Tage darf nach der Außengastronomie auch die Innenbewirtung öffnen. Das in Schaan ansässige – und wenige Busminuten von Vaduz entfernte – TAK musste „nur“ Anfang des Jahres für acht Wochen den Spielbetrieb komplett einstellen, anschließend waren Aufführungen für 10, dann für 50 Zuschauer*innen möglich. Kurz nach unserer Abreise erhöhte sich die zugelassene Zahl auf 100.

 

Das TAK Theater Liechtenstein in Schaan @Antonia Ruhl

Das TAK Theater Liechtenstein in Schaan ©Antonia Ruhl

Zwischen den Proben und beiden Vorstellungen genießen wir die Gastfreundschaft der Einwohner*innen und die landschaftliche Schönheit. Schneebedeckte Berge umgeben uns, die kleine Vaduzer Fußgängerzone ist angenehm belebt und von Banken gesäumt, teure Autos füllen die Straßen und halten höflich für Passant*innen, das von der Fürstenfamilie bewohnte Schloss ragt hoch und mächtig über unseren Köpfen auf. Teils befremdet, hauptsächlich von der Idylle gefangengenommen, kehren wir ins Hotel oder Theater zurück.

Dank hoher Disziplin, Motivation, Professionalität und vereinter Anstrengung gelingt es recht problemlos, den Abend aus seiner 16monatigen Versenkung hochzuholen. Das überrascht positiv, auch weil das Spielen dieser Inszenierung für Anja Schneider und Matze Pröllochs durch eine arg begrenzte Probenzeit 2019 immer schon ein Kraftakt war. Das Liechtensteiner Publikum dankt es ihnen und geht bereitwillig auf Interaktionsangebote der Schauspielerin ein, die pünktlich um 20:09 Uhr die Vorstellung beginnt, nachdem die Kirchenglocken nebenan ausgeläutet haben. In dem viel größeren Theaterraum kann sich die Inszenierungsenergie auf ganz andere Weise entfalten als daheim in der Box. Der technisch gar nicht unaufwändige Abend wird sprichwörtlich raumgreifender.

 

Kleines Bühnenbild in größerem Raum ©Antonia Ruhl

Kleines Bühnenbild in größerem Raum ©Antonia Ruhl

Und wieder zeigt sich, wie die Pandemie Realitäten verändert, gar umkehrt: Die kleinen Produktionen sind nicht nur die mobilsten, sondern auch die pandemietauglichsten und damit aktuell spielbarsten.

Daneben bleibt viel Zeit für persönliche Begegnung und inspirierenden Austausch, kommen Menschen mit interessanten Lebensgeschichten und vielfältigen beruflichen Herkünften zusammen. Auch das ist eine Qualität des Theaterlebens, die gefehlt hat. Und es scheint, als ob das momentan alle ganz besonders zu würdigen wüssten.

 

Schloss Vaduz in herrlicher Landschaft - und die obligatorische Bank @Antonia Ruhl

Schloss Vaduz in herrlicher Landschaft - und die obligatorische Bank ©Antonia Ruhl