Medientipp: CD: „Mazeltov Rache'le“

Von Klaus Kalchschmid am 22.07.2022 • Bild: Ars Produktion, Ratingen
Das Bild zeigt: Cover „Mazeltov Rache'le“, Ars Produktion, ARS 38 614

2020 veröffentlichte das Ratinger CD-Label Ars Produktion „Nu gey – ikh bleyb“, eywunderbare yiddische Lieder von Mordechai Gebirtig (1877-1942) mit der israelischen Mezzosopranistin Dalia Schaechter und dem Opernregisseur Christian von Götz an der Gitarre. Die Sängerin damals: „Mir gefällt sein roher Gitarrenton bei den Liedern sehr. Er spielt sie nicht wie irgendein Gitarrist, sondern wie ein Regisseur, der von der Gitarre aus inszeniert“.

Im Juni 2021 folgte die von von Götz kompilierte und arrangierte zauberhafte Operette „Mazeltov, Rachel’e“ an der Kölner Oper, die er auch selbst inszenierte. Daraus gibt es nun auf CD, wieder von  Ars Produktion, die von verschiedenen Darstellerinnen und Darstellern gesungenen und von unterschiedlichen Musikern begleiteten Lieder jüdischer Musiker der 1910er Jahre, die am Yiddish Broadway wirkten. Nach den Pogromen in Odessa 1881 waren sie nach New York geflohen. Im Zentrum steht erneut die seit vielen Jahren im Kölner Ensemble engagierte Dalia Schaechter, neben solistischen Streichern, Klarinette, Akkordeon und Jazzgeige auch wieder von Christian van Götz an der Gitarre begleitet.

Schaechter spielt und singt die israelische Sängerin Lea, die mitten in einer Lebenskrise Besuch von ihren Ahnen bekommt, als da sind die kapriziöse Ururgroßmutter, genannt „das Rachel’e“, einst im Odessa der 1860er Jahre eine gefeierte Opernsängerin (dargestellt und gesungen von Dalia Schaechter selbst), ihr Mann, der Geiger Leyser Janowski (Tenor Dustin Drosdziok), beider Tochter Gisse, Leas Urgrossmutter, mit 70 Jahren in Auschwitz ermordet (die Sopranistin Csilla Csövari) und der berühmte Theaterimpresario in Odessa namens Goldfaden (Bassbariton Matthias Hoffmann), der sich als Leas tatsächlicher Ururgroßvater entpuppt. Am Ende hat Lea Frieden mit der Vergangenheit geschlossen und stirbt im Reinen mit sich.

Anfangs fehlen dem, der die Aufführung gesehen hat, der szenischen Zusammenhang, die verbindende Handlung und die Dialoge dazwischen, auch der Szenenapplaus. Doch beim zweiten Hören entwickelt die Musik von Louis Friedsel, Louis Gilrod, Joseph Tanzman, David Meyerowitz und vielen anderen ein herrliches Eigenleben. Selbst für das Jiddisch braucht man keine Übersetzung mehr. Sie ist im sorgfältig gestalteten Booklet neben dem Originaltext in die knappe Inhaltsangabe des inhaltlichen Zusammenhangs eingearbeitet. Und je länger man zuhört, desto offensichtlicher werden die Bezüge zwischen der Operette eines Leo Fall und traditioneller jiddischer Musik. Und auch die Kontraste treten wunderbar klar hervor, denn neben Ausgelassenem und erotisch Anspielungsreichem steht tief Melancholisches wie das abschließende, vom ganzen Ensemble gesungene Wiegenlied.

Wie fein und plastisch die Arrangements von Christian von Götz, der die Originaltexte der Handlung seiner Operette angepasst hat, und Ralf Soiron sind, hört man nicht zuletzt, wenn Dalia Schaechter als Lea, die so oft Wagner gesungen hat, Isoldes Liebestod auf Jiddisch anstimmt: zart, zerbrechlich und sinnlich gesungen; von ein paar Musikern und am Ende einer einsamen Klezmer-Klarinette ebenso begleitet.
 
Die CD „Mazeltov, Rachel’e“ ist Anfang Juni bei Ars Produktion (ARS 38 614) erschienen, wird über Note 1 vertrieben und kann zum Preis von 19,45 € HIER oder im Tonträger-Handel erworben werden.