Neues aus der Redaktion: Buchtipp: „Der fremde Blick – Roberto Ciulli und das Theater an der Ruhr”

Von Andreas Falentin am 01.10.2020 • Bild: Stefan Odry
Das Bild zeigt: Roberto Cilli 1987 als Schauspieler in „Der kroatische Faust”

„1) Die Idee zur Gründung eines autonomen Theaters entspringt dem Wunsch, singuläre Bedingungen für die künstlerische Arbeit zu gewinnen. Die heute vorherrschenden Strukturen der Stadttheater lassen das notwendige Bemühen, Theater als Kunstform fortzuentwickeln, in meist ohnmächtige, gegen den technischen und verwaltungstechnischen Apparat gerichtete Versuche verfallen.“ (aus: „Der fremde Blick – Roberto Ciulli und das Theater an der Ruhr“, Seite 354)

Roberto Ciulli und sein Dramaturg und jahrzehntelanger Arbeitspartner Helmut Schäfer begannen 1979 so ihre „Arbeitsvorlage für ein autonomes Theater“. Die Haltung, die dahintersteht, war damals nicht neu und wird auch heute noch gelegentlich vertreten. Dass solche Erwägungen aber tatsächlich zur Gründung eines heute fast 40 Jahre bestehenden Theaters beigetragen haben, darf als singulär betrachtet werden, genauso wie die ökonomischen und Produktionsbedingungen: 200 000 DM stellte die Stadt Mülheim an der Ruhr Roberto Ciulli ab 1981 jährlich zur Verfügung. Der hatte dafür mit dem neuen Theater an der Ruhr 150 Aufführungen pro Spielzeit anzubieten und sein 20-köpfiges Team zu finanzieren. Das war allein in Mülheim natürlich nicht zu erwirtschaften. Da wurde jede der zwei Inszenierungen pro Spielzeit ganze siebenmal in der Stadthalle gezeigt. Es wurde also getourt, nach Remscheid oder Ludwigshafen, bald auch in den Iran oder nach Ecuador, im Laufe der Geschichte des Theaters in sage und schreibe 42 Länder – und das nicht nur mit der Idee einer betrieblichen Selbsterhaltung durch künstlerische Arbeit, sondern mit eigenständigen, durchaus extremen (und von den Produktionsbedingungen beeinflussten) ästhetischen Vorstellungen. 

Dokumentierte Erfolgsgeschichte

Der von Alexander Wewerka und Jonas Tinius herausgegebene Doppelband „Der fremde Blick“ nähert sich dieser einzigartigen Erfolgsgeschichte dankenswerterweise nicht mit einer, bekanntlich am Ende erfolgreicher Intendanzen gerne veröffentlichten, Großmeister-Lobhudelei mit üppigen Selbstbespiegelungs-Einsprengseln, sondern in Form einer begleiteten, kommentierten Dokumentation. Da er die zentrale Figur ist, bekommt Roberto Ciulli auf vielfältigen Wegen die Möglichkeit, sich zu äußern. In Bild- und Schriftzeugnissen wird seine Biographie im ersten, roten Band genauso in- und extensiv dokumentiert wie die Geschichte und der künstlerische Output des Theaters an der Ruhr im zweiten, blauen Band. Das reicht, phantasievoll und leserfreundlich angeordnet, von Kinder- und Familienbildern über faksimilierte Verträge bis hin zu Inszenierungsfotos, vom Romanfragment über Interviews zu konzeptionellen und philosophischen Texten. Dazu kommen wutschnaubende Verrisse genauso wie Kritiken der dem Theater und dem Theatermacher zugeneigten Journalisten wie Benjamin Henrichs, Heinz Klunker oder Reinhard Kill. Gerade Kill findet in der Rheinischen Post immer wieder schöne, treffende Sentenzen für Ciullis in vielerlei Hinsicht tatsächlich „fremden Blick“ auf das Theater. „Er gibt nicht vor, Bescheid zu wissen“ heißt es da über den „Sommernachtstraum“ und zu den „Bakchen“: Ciullis Theater „sucht keineswegs nur Bedeutung, ist auch Erscheinung, entfesselt eine Zuschau-Lust, wie sie rar geworden ist auf unseren Bühnen“, eine Beobachtung, die sich auch auf die optische Aufbereitung von „Der fremde Blick“ anwenden ließe, die Erinnerungen weckt, vor allem aber neugierig macht.

Rot: Vorher

Roberto Ciullis Biographie ist bekannt: die reiche mailändische Familie, die pro-blematische Beziehung zur Mutter, der Aufbau des ersten eigenen Theaters Il Globo an der Mailänder Peripherie inklusive Herzinfarkt mit unter 30 Jahren, die Auswanderung nach Göttingen via Frankreich, der Anfang in einer Fabrik und als Fahrer, der Beginn am Deutschen Theater Göttingen als Requisiteur, die skandalumwitterten Regiearbeiten in Köln, Düsseldorf und anderswo. Aber so farbig, was nicht die Bilder meint, so vielfältig ist uns Roberto Ciulli außerhalb der Bühne wohl nie vor Augen getreten, als Kind, als Theaterkünstler, als politischer, vor allem aber immer wieder als denkender Mensch. Was ihm besonders wichtig (oder besonders skurril) erschien auf seinem Weg, wird in einem A-Z-Glossar dazwischengeschnitten (wie das abgebildete K: Köln, Kindertheater), eine so charmante wie unübersichtliche Grafik setzt Vorbilder zueinander in Beziehung, und am Ende stehen künstlerisch überhöhte Aufführungsbilder von Knut Wolfgang Maron, einem langjährigen künstlerischen Partner des Theaters an der Ruhr.

Blau: Seither

Der zweite Band setzt dann an mit der Gründungsidee und den Gesellschafterverträgen. Ciulli, der durchgängig seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Theater an der Ruhr in den Mittelpunkt rückt, würdigt hier besonders den früh verstorbenen Kostümbildner Klaus Arzberger, die bereits 1986 gestorbene große Schauspielerin Gordana Kosanovi´c, den kürzlich verstorbenen Bühnenbildner Gralf-Edzard Habben und den unermüdlichen Helmut Schäfer. Der übertitelte etwa sein Resümee der ersten gemeinsamen Spielzeit mit „Und noch kann uns der Himmel auf den Kopf fallen“ – ein Zitat von Antonin Ar-taud, eingesetzt als Metapher für die künstlerische Freiheit des Theaters an der Ruhr einer-, den ökonomischen Drahtseilakt andererseits – und ein wenig auch als skurril-lustvolle Wunschvorstellung. Neben dringlicher Äußerung und Sendung auf allen sinnlichen Kanälen hieß Theater in Mülheim eben auch oft: geistiges Spiel. So defilieren im blauen Band, mit Text- und Bildquellen treffsicher garniert, die Inszenierungen am Leser vorbei, von der umstrittenen „Lulu“ zu Beginn über die Trias der legendären Inszenierungen „Der Sommernachtstraum“ (1982), „Kaspar“ (1987), „Der kroatische Faust“ (1987) und die vielen Versuche mit der Ciulli so wichtigen Clownsästhetik und -einstellung bis hin zu seiner bisher letzten Regiearbeit „Boat Memory/Das Zeugnis“ aus dem Dezember 2019. Auch das Ensemble kommt zu Wort, mit den Stimmen von Gordana Kosanovi´c und Simone Thoma, Maria Neumann und Rupert J. Seidl, und die vielen Reisen werden genauso reflektierend dokumentiert wie die langjährige Beherbergung und Förderung des Roma-Theaters Pralipe. Dazu nimmt das Heimischwerden in der Immobilie am Raffelberg berechtigterweise Platz ein. Man geht die Geschichte, das Wachsen (auf heute fast 40 Mitarbeiter), die künstlerische Entwicklung, den Weg zum Erfolg bei bleibendem Existenzkampf des Theaters mit, bleibt nicht außen vor, sondern wird, wenn man will, auch eingelassen.

Erlebnis

Der Umgang mit diesen 1250 Seiten, das Durchblättern und Sich-Festlesen, hat im engeren Sinne Erlebnischarakter. Ständig scheinen sich einzelne Sätze oder Abschnitte aus dem Text zu lösen, das Bewusstsein als Wort gewordene Widerhaken zu entern. Beispiel gefällig? „Erst dann ist es Kultur, wenn es deins geworden ist“, „Theater ist ein Diskurs, der ein ganzes Leben lang weitergeht“, „Regie führen ist die Kunst, den Zufall zu ermöglichen“ oder „Ich habe keine eigene Sprache mehr“. Da weiß einer, wovon er spricht, und traut sich, es zu sagen, ohne sich dabei groß oder klein machen zu wollen. Und es ist zu spüren, dass er nach wie vor kämpft: für Bildung, für die Anerkennung der Kostbarkeit des Wissens, für die Freiheit der Kunst und die Verantwortung des Künstlers.

Wo sich „Der fremde Blick“ mit eigenen Erinnerungen verbindet, rührt er zudem an – und behauptet seine Bedeutung. Ich sah als Student Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre etwa „Die Bakchen“, „Warten auf Godot“ und „Macbeth“ als Gastspiele im Kölner Schauspielhaus. „Da war es schon gut!“, sagte uns Roberto Ciulli mit sanftem Augenzwinkern während des Interviews anlässlich seiner Auszeichnung mit dem deutschen Theaterpreis DER FAUST für sein Lebenswerk im letzten Jahr. Aber immer begann nach wenigen Minuten das Rascheln und Türen-klappern. Oft fehlte zum Schlussapplaus ein Viertel, manchmal auch die Hälfte der Zuschauer. Die Freiheit im Umgang mit dem Text, oft, um genau diesen erfüllen zu können, konnte auch erschrecken, genau wie die direkten, nie von irgend-einer Art von Dekoration verhüllten, expressiven, stets eigenen Phantasien mit genauer Textexegese verbindenden Bildwelten. Aber die Gebliebenen klatschten sich in der Regel die Finger wund. Und sie tun das bis heute. Wer „Der fremde Blick“ liest und das alles vorher nicht kannte, wird unter Umständen den Wunsch in sich wecken, mal nach Mülheim an der Ruhr zu reisen.