Drei Personen mit Strumpfmaske, eine davon bedroht mit Waffe zwei weitere Personen

Theaterserie am Tübinger Zimmertheater: Im Taumel des Zorns

Ein großes Vorhaben, das aufgeht: Das Institut für theatrale Zukunftsforschung (ITZ) im Tübinger Zimmertheater zeigte in dieser Spielzeit sieben Premieren als aufeinanderfolgende Theaterserie „Im Taumel des Zorns“. Auf Wunsch der Schauspieler:innen gab es alle sieben Episoden an zwei Sonntagen am Stück zu sehen. Eine Kritik im Dialog über die ersten drei Episoden von Andreas Falentin und Thomas Morawitzky ist in Heft 2/24 erschienen. Unsere Online-Kritik zu Episode 1 finden Sie hier.

Über eine von Blumenkästen geschmückte Brücke führt der Weg bei strahlend blauem Himmel vom Bahnhof über den Neckar zum Zimmertheater Tübingen im Herz der malerisch-bürgerlichen Altstadt. Um 10 Uhr beginnt hier als 12,5-stündiger Theatermarathon – inklusive dreier Pausen –, woran Ensemble und Team eine ganze Spielzeit gearbeitet haben: Sieben Premieren von unterschiedlichen Autor:innen und Regisseur:innen als zusammenhängende Theaterserie. Der Saal ist an diesem Sonntagmorgen voll besetzt. First comes first, es gilt freie Platzwahl und ein paar Glückliche ergattern extra aufgestellte „Binge-Watching-Couches“ in der ersten Reihe.

hinten ein Person in einer Hängematte, davor vier Darsteller:innen im Chor sprechend

Episode 2 © Alexander Gonschior

„Im Taumel des Zorns“ ist die alle Episoden umfassende Überschrift. Die Story hangelt sich entlang „einer wahren Begebenheit“, den Einsparungen eines Krankenhauses bei Medikamenten, die durch Reimporte günstig eingekauft und wegen Korruption und fehlenden Personalressourcen nicht richtig überprüft und verwendet werden. Das Ergebnis: Behandlungen mit eventuell abgelaufenen, falsch gelagerten, unwirksamen, oder schädlichen Mitteln. Fünf Darsteller:innen stemmen die gesamte Serie mit vollem Spiel- und auch Singeinsatz: Eva Lucia Grieser, Cyril Hilfiker, Seraina Löschau, Lauretta van de Merwe und Morris Weckherlin.

Spannende Kriminalgeschichte

Dieser scheiß Krebs, den Holle hat, der hat das alles ins Rollen gebracht. Oder eigentlich eher das Scheitern eines gesellschaftlichen Systems, ihrer Krankheit die angemessene Aufmerksamkeit und Pflege entgegenzubringen. Ihr Körper stirbt, wird von innen zersetzt. Holle, ihr Cousin Enno und Ove beschließen, in die Krankenhausapotheke einzubrechen, ein bisschen Medikamente zu entwenden, die zu verticken, so vielleicht für ein wenig eigenes Gerechtigkeitsgefühl zu sorgen. Nur treffen sie in der Apotheke auf Cecilia, die ehemalige Apothekenleiterin, und die Angestellte Merit. Es kommt zur stundenlangen Geiselnahme, während derer das Publikum verteilt über die sieben Episoden die Schicksale und Motive der Figuren detailliert kennenlernt.

Es ist eine eng verknotete, spannende Kriminalgeschichte, als Zuschauer:in begegnet mensch den Figuren auf einer persönlichen Ebene. Zehn Autor:innen und Regisseur:innen stehen hinter den Inszenierungen. Jede Episode hat ihren eigenen Ton, das bringt Abwechslung, zeigt feine Perspektivwechsel der Regie und Figuren und gleichzeitig vereinen sich die Schreib- und Inszenierungsstile zum runden Gesamtbild. Die Texte von Intendant* Peer Mia Ripberger, Caspar-Maria Russo, Leonie Lorena Wyss, Anaïs Clerc, Hannah Zufall und Corinna Huber sind tragender Bestandteil der Episoden, mal gereimter, mal poetischer, sind häufig assoziative Textbilder, zeigen alle eine junge Perspektive und Sprache. Holle bekommt oft nicht den Mit- sondern den „Meinleidsblick“. Ihr Schicksal kehrt sie aber weg vom Selbstmitleid: „Warum verdammt nochmal nicht ich!“ Oft sprechen die Darsteller:innen chorisch mit präzise getaktetem Sprech- und Spieltempo. Mal läuft die Handlung in Echtzeit, dann gibt es Rückblicke oder direkt ans Publikum gerichtete persönliche Gedanken der Figuren.

Geglückte Serie

Viele Besucher:innen einzelner Episoden sind zu einem der zwei Marathontage gekommen und wollen die anderen Teile sehen. Jeder Part macht neugierig auf den nächsten, macht Lust darauf, die noch fehlenden Aspekte des Falls zu entdecken. Das Bühnenbild (Valentin Baumeister) aller Folgen bilden bewegliche Spielkästen mit quadratischem Gitterboden, die Kostüme (Nicola Gördes) geben ein einheitliches Bild, sind grau und blau. Wenige aber die Story prägende Requisiten wie die Waffe, die Holle vom Nachbarn hat, oder ein Telefon, über das nach draußen mit der Einsatzleiterin der Polizei gesprochen wird, heben sich davon ab. Die Musik von Konstantin Dupelius und Justus Wilcken stützt den Spannungsaufbau, wie in einer guten Kriminalserie eben.

vier Personen, drei tragen die vierte im Arm

Episode 6 © Alexander Gonschior

Die sieben Episoden kehren von den Figuren das nach außen, dass bisher vielleicht in ihnen schlummerte, sie aber selber nicht wahrhaben wollten. Täter und Geisel sind nicht so leicht zu bestimmen. Hat Holle weniger zu verlieren, weil sie dem Tod näher ist als die anderen? Was sind sie und die anderen für ein höheres Ziel bereit aufzugeben? Ist Ove nur Mitläufer und welchen Selbstzweck verfolgt Merit, die von Anfang an gar nie wirklich eine Geisel war, sondern mit Holle alles geplant hatte. „Lange habe ich mit einer Schuld gelebt“, sagt die ehemalige Apothekenleiterin Cecilia, die durch Druck von der Krankenhausleitung stillschweigend den Reimport der Medikamente hinnahm.

„Im Taumel des Zorns“ beschreibt vielleicht den persönlichen Weg der Figuren, sich selber kennen zu lernen, mit allem was dazu gehört. Und, wie die fünf es schaffen, eine gemeinsame Stimme gegen „die Riesen“ zu finden, die Krankenhausleitung, die manchmal schwer zu bestimmenden in einer hierarchischen Struktur, in der mensch sich allein schnell einsam fühlt.

Am Ende sind alle erschöpft vom Mitfiebern und -fühlen und von der Leistung begeistert. Die Theaterserie ist geglückt, und auch die Figuren haben es geschafft, haben die kruden Machenschaften aufgedeckt und an die Öffentlichkeit gebracht. Was bleibt, ist ein Was-wäre-wenn als Einladung, die Wahrheit nicht als Angebot zum Lügen zu nehmen.