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Ein Gespräch mit Willy Decker über seine zweite Spielzeit bei der Ruhrtriennale

Theater ist Spiritualität

Interview: Stefan Keim

Foto: Paul Leclaire

„Wanderung“ steht über Ihrer zweiten Saison bei der Ruhrtriennale, die sich mit der islamischen Welt beschäftigt. Der Begriff scheint ja im Widerspruch zu stehen zu den Industriehallen des Ruhrgebietes, den Spielstätten des Festivals, die ja fest stehend den Wechsel der Zeiten überdauert haben.

Willy Decker: „Wanderung“ ist ein Begriff mit vielen Deutungsebenen. Er ist bewusst in Gegenspannung gesetzt zur Unbeweglichkeit der Hallen. Das still Ruhende in den Hallen fordert uns auf, Aktivität und Kreativität zu entwickeln. Aus der Reibung entsteht ja das Aufregende, das Schöpferische, was die Triennale ausmacht. Je länger ich mich als Künstler in den Hallen befinde, desto mehr wird mir auch klar, dass das eigentliche Thema, die Essenz dieser Hallen, der Mensch in der Bewegung ist. Der Mensch, der sich in den großen, leeren Räumen bewegt, die wie weiße Blätter Papier sind, auf denen man beginnt zu schreiben, zu kreieren. Ich gehe manchmal meditativ durch die Räume, sehr bewusst, sehr langsam. Diese unglaubliche Spannung, die zwischen den Hallen und mir selbst entsteht, ist eine Urzündung für künstlerische Bewegung.

Ihre drei Spielzeiten bei der Ruhrtriennale haben drei Weltreligionen zum Thema. Aber immer geht es auch um Urzündungen, Urmomente, das Schöpferische an sich. Sind für Sie Spiritualität und Kreativität eins?

Willy Decker: Je weiter man an den Urmoment beider Phänomene zurückgeht, desto klarer wird einem: das ist in seiner Quelle tatsächlich das Gleiche. Spiritualität und Kunst sind Instrumente, um über die Begrenztheit des Alltäglichen hinaus einen größeren Zusammenhang herzustellen. Deswegen ist beides auch zusammen entstanden in dem Moment, als der Mensch das Bedürfnis entwickelt hat, über sich selbst, das Naheliegende, das Sichtbare hinaus zu schauen.

Sie haben gesagt, eine andere Intendanz als die Ruhrtriennale habe Sie niemals interessiert. Hat Sie die Möglichkeit gereizt, über die Hallen näher an Urmomente heran zu kommen, als das in einem Stadttheater möglich wäre?

Willy Decker: Die Begegnung mit den Hallen hat mich als Künstler verändert. Ich habe Möglichkeiten aufgezeigt bekommen, von deren Existenz ich gar nichts wusste. Dass der leere Raum– wie Peter Brook es ja auch beschrieben hat – ohne eine Bestimmung, ohne eine Infrastruktur viel Kreativität freisetzt. Das ist etwas völlig anderes, als wenn ich in einen Raum komme, der völlig darauf ausgerichtet ist, dass hier Theater oder Kultur stattfindet. Das hat mich gereizt, dieses Erlebnis zu vertiefen und es mit einem Thema zu verbinden, das mir sehr am Herzen liegt.

Die erste Spielzeit, in der es um die jüdische Welt ging, liegt hinter Ihnen. Wie weit sind Sie da in Ihrer eigenen Einschätzung gekommen?

Willy Decke:r Ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Vieles war toll, einiges nicht so toll, einiges sogar misslungen. Aber was es bewirkt hat, bei mir selbst wie bei den Besuchern, ist eine Neugier auf das, was jetzt weiter passiert. Die Leidenschaft, die ich mit dem Thema verbinde, ist geblieben. Die nackten Zahlen sind sowieso positiv. Aber dennoch bin ich unterwegs. Manchmal waren wir an dem Punkt, wo wir sein wollten, manchmal haben wir ihn verfehlt. Aber das ist die natürliche Bilanz von einem umfangreichen, sehr breit gefächerten Festival.

Nach Ihrer grandiosen Schönberg-Inszenierung letztes Jahr machen Sie nun etwas völlig anderes, keinen Klassiker des Repertoires, sondern eine „Kreation“, eine Neuentwicklung: „Leila und Madschnun“. Wie kamen Sie auf diese bei uns völlig unbekannte, im arabischen Raum aber berühmte Liebesgeschichte?

Willy Decker: Ich war auf der Suche nach einem Musiktheater. Im islamischen Kulturraum gibt es kein Stück wie „Moses und Aron“, das zwingend auf der Hand läge. Mozarts „Entführung“ zu machen, wäre mir ein bisschen zu banal gewesen. Deshalb müssen wir selbst eine Uraufführung erarbeiten. Auf der Suche nach einem großen Epos stießen wir schnell auf „Leila und Madschnun“, jeder Muslim kennt das. Das ist noch mehr verankert in der orientalischen Welt als bei uns „Romeo und Julia“ oder „Tristan und Isolde“. Ich wollte auch für mich selbst das Abenteuer weiter führen. Da kommen nicht nur verschiedene Autoren zusammen, NItami, der Autor der Vorlage, Albert Ostermaier als Librettist und Samir Odeh-Tamimi, ein palästinensisch-israelischer Komponist. Sondern auch die Genres kommen zusammen, Schauspieler, Sänger, auf Neue Musik spezialisierte Musiker, viele Individualisten. Wie man eine Oper inszeniert, weiß ich ja inzwischen. Aber da kann ich mich nicht mehr auf mein Handwerk verlassen.

Individualisten entwickeln ein Stück, in dem es um eine Form der Liebe geht, bei der der eine ganz in dem anderen aufgeht. Davor hat ein Individualist doch eher Angst. Wird die Liebe da zu einer spirituellen Angelegenheit?

Willy Decker: Es geht darum, dass, wenn der Weg zum Objekt der Liebe, zum anderen Menschen versperrt ist, die Liebe nicht in sich zusammen fällt, sondern sich weitet und in eine Totalität übergeht. Sie wird kosmisch, spirituell, umfasst alles. Das entsteht in Madschnun und ist einer der zentralen spirituellen Stränge im Islam, vor allem im Sufismus. Dass die Liebe sich in ein Überdimensionales weitet. Diese Leidenseuphorie von Madschnun, diese Leidens-Leidenschaft ist im schiitischen Islam sehr tief verankert.

Sie befragen ein Epos aus dem 13. Jahrhundert aus der Perspektive der Gegenwart. Das Aufeinandertreffen verschiedener Zeiten und Kulturen spiegelt sich in fast ihrem gesamten Spielplan. Da trifft zum Beispiel Johann Sebastian Bach auf Sufimusik, ein Streichquartett auf tanzende Derwische.

Willy Decker: Es ist ein Anliegen aller drei Spielzeiten bei der Ruhrtriennale, nicht nur in der Vitrine was zu zeigen, sondern die Begegnung. Im letzten Jahr habe ich mich immer gefragt: Was ist jüdisch in mir? Gibt es in mir Dinge, die jüdisch sind? Die gibt es in jedem Menschen. Genau so ist es jetzt im Islam. Ist Madschnuns Gefühl auch ein Potential in mir? Wir müssen tief hinein hören, uns selbst öffnen und sehen: Was tut das mit mir?

Diese Frage wird auch im Kinderstück gestellt, das „Paradise“ heißt und in der Mischanlage der Kokerei Zollverein durch die zwölf Kammern des Paradieses führt.

Willy Decker: Kinder sind eh näher am Paradies als wir Erwachsenen. Das ist ein Thema, in dem sich Kinder unbeschwert bewegen können wie sie sich im Märchen bewegen, in ihren Traum- und Spielwelten. Deshalb sollten unbedingt auch Erwachsene diesen Weg gehen, mit Kindern zusammen.

Viele denken beim Thema Islam an Terrorgefahr und die Frage, wie junge Menschen zu Selbstmordattentätern werden. Dieser Aspekt ist bei Ihnen in zwei Produktionen zu finden, die unter der Rubrik „Heimweh nach Zukunft“ firmieren. Warum?

Willy Decker: Das ist unsere Reihe für Nachwuchsregisseure. Die Gefahr der Radikalisierung ist ja in der dritten Generation der Migranten viel größer als bei den Eltern. Insofern ist das auch ein junges Thema. Nurkan Erpulat, ein junger türkischer Regisseur der das Stück „Verrücktes Blut“ inszeniert, kennt sich damit auch aus seinem eigenen Leben gut aus. Er gehört zu dieser Generation und erzählt ein Stück weit auch seine eigene Geschichte.

Die so genannten Nebenreihen – Lesungen, Filme, Diskussionen – scheinen mir in diesem Jahr bei der Ruhrtriennale besonders wichtig zu sein.

Willy Decker: Die Literatur ist neben der Kalligraphie die zentrale Kunst im Islam. Literatur und Poesie haben einen viel größeren Stellenwert als bei uns. Insofern ist die Literaturreihe noch etwas bedeutender.

Auch im jüdischen Kulturkreis spielt das Wort eine viel zentralere Bedeutung als bei uns. Nun ebenso im Islam. Wenn Sie sich damit beschäftigen, löst das bei Ihnen auch eine Rückbesinnung auf das Wort aus?

Willy Decker: Natürlich. Ich werde ja oft mit der Frage konfrontiert, wie formuliere ich das? Was ist Spiritualität, Religion, Kunst, Kreativität? Da wird die Auseinandersetzung mit der Sprache intensiver. Ich glaube ohnehin, als kreativer und auch als spiritueller Mensch entwickelt man eine andere Aufmerksamkeit der Sprache gegenüber. Auch ein Misstrauen, weil man sieht, wo die Grenze ist. Wo das Wort beginnt, machtlos zu werden. Wie bei Moses zum Beispiel. Deswegen war ich auch so glücklich mit Andrea Breths Inszenierung von „Der zerbrochne Krug“ im letzten Jahr, weil sie die Sprache so ernst genommen hat und so sorgfältig mit ihr umgegangen ist.

Sehen Sie sich, wenn Sie Kreativität und Spiritualität in eins setzen, in der Tradition des 19. Jahrhunderts, zum Beispiel der deutschen Romantik?

Willy Decker: Natürlich gibt es Vergleichbares in den Gedanken von Novalis oder Richard Wagner. Dennoch ist dies kein aus der Romantik abgeleiteter Zugang, sondern eine ganz aus meiner persönlichen Erfahrung gewonnene Haltung.

Ist eine neue Formulierung des Verhältnisses von Theater und Spiritualität nach der langen Phase von Ironisierung und postmodernen Spielen vielleicht sogar die Herausforderung für Gegenwart und Zukunft?

Willy Decker: Theater ist Spiritualität. Darin steckt auch kein Gegensatz zum Hinterfragen, sondern das ist extremes Hinterfragen unserer scheinbaren Realität. Wir wissen ja inzwischen auch an vorderster wissenschaftlicher Front, dass wir an Punkte kommen, die nicht mehr überwindbar sind. Wenn wir weiter fragen wollen, brauchen wir andere Mittel als den logischen Verstand. Da brauchen wir Sinnlichkeit, Kunst, nicht begriffliches Schöpfen. Insofern ist das ohnehin eine Grundfragestellung von Kunst und Theater. Aber es ist auch eine Zeit, in der ein Paradigmenwechsel ansteht. Die Bedürfnisse unserer Welt entwickeln sich immer dringlicher in diese Richtung.