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Der Dreiklang der Saison: Vielfalt der Formen – Themen der gesellschaftlichen Gegenwart – Öffnung zu unterschiedlichen Publikumsgruppen
Die große Diversifizierung

von Detlef Brandenburg

Lina Beckmann, Jennifer Frank, Susanne Barth und Murali Perumal in „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen“ in der Regie von Karin Beier am Schauspiel Köln. Foto: David Baltzer

Alle Jahre wieder packt uns die Neugier, wenn wir unsere Autoren bitten, mit ihren Voten eine Bilanz der zu Ende gehenden Saison zu ziehen. Und natürlich ist es bei dieser Autorenumfrage mit dem reinen Zählen nicht getan. Viel spannender ist es, aus der Gesamtübersicht der Voten die Trends und Entwicklungen herauszufiltern und sich durch die Begründungen, die oft mit viel Scharfsinn und Liebe formuliert sind, zur Suche nach spannenden Unterströmungen anregen zu lassen. Schließlich repräsentieren die rund 50 Fachautoren, die regelmäßig für Die Deutsche Bühne schreiben, geballten Sachverstand und zudem mehr Einblick in lokale Feinheiten und regionale Verästelungen der deutschen Theaterszene, als wir drei Redakteure uns zutrauen dürfen. „Alles ist Fluxus“ konnten wir als Ergebnis der Autorenumfrage 2009 verkünden und uns über eine explodierende Formenvielfalt freuen, geboren aus spartensprengender interdisziplinärer Arbeit, wie wir sie in mehreren Schwerpunkten beschrieben haben (u.a.: Opernrecycling, Heft 5/2008; Die Alchemisten, Heft 6/2009; Kunst der Entgrenzung, Heft 1/2010). Und nun?

Nun setzt sich dieser Trend fort – was im Grunde aber heißt, dass der Trend dahin geht, den Trend zu negieren. Das meistgenannte Schauspielhaus der vergangenen Saison beispielsweise ist das von Karin Beier in Köln. An ihrem Programm gefällt unseren Autoren aber nicht etwa die eine starke Handschrift, sondern die Vielfalt unterschiedlicher Handschriften. Stefan Keim bringt es mit der eben genannten Paradoxie auf den Punkt: „Das Schauspiel Köln setzt sich mit sehr verschiedenen und manchmal extremen ästhetischen Mitteln, großer Experimentierlust und inhaltlich klar fokussiert mit der Gegenwart, der Finanzkrise und ihrer Wirkung auf Menschen, auseinander.“ Die Verschiedenheit macht das Profil – so sieht es auch Annette Poppenhäger, die vom Kölner Schauspiel beeindruckt ist, „weil es nicht nachlässt, den Kölner Theatergängern die verschiedensten ästhetischen Sichtweisen anzubieten und sie aufs Feinste zum Denken anzuregen“. Neben Karin Beier reicht das Spektrum der Schauspiel-Spitzengruppe von Andreas Kriegenburg über Volker Lösch bis hin zu Pavol Liska und Kelly Copper aus der New Yorker Off-Szene, die am Wiener Burgtheater „Life and Times, Episode 1“ herausgebracht haben. „Trend: Zeitliche Spanne zwischen Off-Off und großem Staatstheater wird kürzer“, vermerkt dazu unsere Wiener Autorin Karin Cerny. „Für Festivals wird es immer enger. Stadttheater sind längst Crossover-Institutionen geworden, die ihnen das Wasser abgraben.“

Ähnlich vielstimmig ist das Konzert der Nennungen im Musiktheater. Hier steht die Oper Frankfurt ganz vorn– meistgenannter Regisseur ist aber nicht etwa Claus Guth mit seiner Frankfurter „Daphne“, sondern Christoph Marthaler u.a. mit der Baseler Uraufführung von Beat Furrers „Wüstenbuch“: eine Produktion, die für das von Bernd Loebe in Frankfurt gepflegte Profil eher untypisch wäre. Marthaler steht neben Regisseuren wie Claus Guth, Lorenzo Fioroni oder Andrea Moses – auch hier ist die Vielfalt der Trend, die Einzelvoten reichen von Opern-Grenzgängern wie David Marton oder Christoph Schlingensief über Kinderopern bis hin zu anspruchsvollen Traditionalisten wie dem Dirigenten René Jacobs oder dem Darmstädter Intendanten und Regie-Altmeister John Dew.


Sieger außer Konkurrenz: Die Theaterstadt Stuttgart

OK denn also: Vielfalt ist Trumpf, oder: „Wer vieles bringt“... Natürlich hört man solche Allerweltszitate nicht gern in Künstlerkreisen. Und doch spricht einiges dafür, dass Goethes Theaterdirektor einen Nerv dieser Vielfalt trifft. Man kann das erkennen, wenn man einmal kurz von den Pfaden abweicht, die die Kategorien dieser Umfrage vorzeichnen. Die meistgenannte Theaterstadt ist Stuttgart (20 Nennungen), dicht gefolgt von Frankfurt (18 Nennungen) und Berlin (16). Alle drei Städte erreichen ihre Spitzenplätze aber nicht nur, weil hier zwei oder drei Spitzenhäuser die Voten unserer Autoren auf sich vereinen, sondern weil sie ein breites Spektrum unterschiedlichster Theater und Theaterformate bieten.

Stuttgart beispielsweise: Neben Staatsschauspiel und -oper wird hier dreimal (in drei verschiedenen Kategorien!) das Junge Ensemble Stuttgart (JES) genannt: „für ein innovatives Kinder- und Jugendtheater, das ein hohes künstlerisches und pädagogisches Niveau hat und den jungen Menschen Möglichkeiten des kreativen Mitwirkens bietet“, wie Claudia Gass schreibt. Adrienne Braun dagegen begeistert sich unter Ungewöhnlich überzeugende Theaterarbeit Abseits großer Theaterzentren für das „Studio Theater Stuttgart: arm, aber sexy, klein, aber erfrischend aktuell“. Unter der Off-Theater-Frage nennt sie die freie Gruppe Lokstoff, denn die „lockt auch theaterfernes Publikum an ungewöhnliche Spielorte“. Elisabeth Maier wiederum weist uns auf das Zentrum für Figurentheater Stuttgart (FITZ) hin: Es stehe „für ein anspruchsvolles, spartenübergreifendes Figurentheater mit einem überaus breiten Spektrum.“ Nimmt man hinzu, dass bei den auf Stuttgart verweisenden Personen-Voten so unterschiedliche Künstler wie die Schauspielregisseure Volker Lösch und Annette Pullen, die Opernregisseure Stefan Herheim und Calixto Bieito, die Choreografen Marco Goecke (am Staatsballett) und Eric Gauthier (am Theaterhaus) einträchtig nebeneinander stehen – dann ahnt man, dass die Kraft der Stuttgarter Theaterszene nicht etwa in einem Profil liegt, sondern in der Diversifizierung.

Die Autoren nennen auch Gründe dieser Diversifizierung. Da setzt sich zum einen natürlich die Fluxus-Tendenz der letztjährigen Umfrage fort– Christiane Enkeler zum Beispiel lobt die Schauspieldramaturgie der Wiener Festwochen „für ihre Offenheit Formen, Themen und vor allem Menschen gegenüber. Sie wagt Experimente, verbindet vollkommen selbstverständlich Politisches und Unterhaltsames, und die vielen kleinen Projekte gehen neben den großen nicht unter.“ Offenheit den „Menschen“ gegenüber; Projekte für ein „theaterfernes Publikum“; Theater für „junge Menschen“: In solchen Formulierungen steckt ein weiteres Motiv dieser Diversifizierung: Sie ist mehr als ästhetischer Selbstzweck oder spielerische Lust: Die Theater haben erkannt, dass in der neuen Vielfalt ein enormes kommunikatives Potential steckt – die Chance, mit unterschiedlichen Formen unterschiedliche Besuchergruppen anzusprechen und damit auf ein Problem zu reagieren, das den Bühnen zunehmend zu schaffen macht: das Zersplittern ihrer einst relativ homogenen bildungsbürgerlichen Adressatenschicht in eine Vielfalt kulturell und sozial unterschiedlich orientierter Gruppen.

Hartmut Krug bringt das in seinem Votum für das Staatsschauspiel Dresden auf den Punkt: „...für seinen Spielplan, der sich einerseits klug auf die Tradition des Hauses und die bildungsbürgerliche Haltung des Dresdner Publikums bezieht, andererseits aber auch neue Stücke anbietet, und für ein Konzept, das mit einer neuen Regiegeneration moderne Spielweisen sowie aktuelle und politische Lesarten von Klassikern präsentiert. Die kommunikative Öffnung des Staatsschauspiels Dresden zu einem breiteren Publikum findet auf beispielhafte Weise auch statt durch die Arbeit mit Laien in Bürgerbühne genannten Gruppierungen, durch die nicht nur viele Menschen zusätzlich für das Theater gewonnen werden, sondern zuweilen auch Theater auf erstaunlichem Niveau entsteht.“ Schon das Theater der sozialen Aufmerksamkeit (unser Schwerpunktthema in Heft 3/2006), die Vernetzung von Theater – Stadt – Wirklichkeit (Heft 7/2007) und das Theater der Authentizität (Heft 4/2008) musste die Bühnen fast zwangsläufig mit der Ausdifferenzierung dieser Gesellschaft in zunehmend heterogenere soziale Milieus konfrontieren. Theaterformen wie die von Volker Lösch oder Rimini Protokoll reagieren darauf, indem sie das Vertrauen in eine verlässliche Konvergenz des Wirklichkeitserlebens zwischen Künstlern und ihren Zuschauern hinterfragen und (zum Beispiel) Laien auf die Bühne holen, damit die von ihren Wirklichkeiten erzählen können. Die aufschießende Vielfalt der Formate von traditionellem Erzähltheater bis hin zu allen möglichen partizipativen Theaterformen kommt jetzt also gerade recht, um sich mit dieser Differenzierung produktiv auseinanderzusetzen. Formenvielfalt und Vielfalt der sozialen Milieus treten in ein spannendes Beziehungsgeflecht.


Frage 1 – GESAMTLEISTUNG: Schauspiel Köln, Oper Frankfurt

Dazu passt, dass Stefan Keim das in der Kategorie Überzeugende Gesamtleistung eines Hauses meistgenannte Kölner Schauspielhaus (sechs Nennungen unter Frage 1 und weitere sechs unter Herausragender Beitrag zur aktuellen Entwicklung des Schauspiels) in seiner oben bereits zitierten Begründung genau wegen seiner Auseinandersetzung „mit der Gegenwart, der Finanzkrise und ihrer Wirkung auf Menschen“ lobt. Die Orientierung an der gesellschaftlichen Realität ist für Keim offenbar der Fokus für die Vielfalt der Formate – ähnlich wie beim Schauspiel in Dresden, das vier Nennungen unter Gesamtleistung erreicht. Karin Pfeil lobt hier „das Bekenntnis zu einer Vielfalt an ästhetischen Handschriften, die meiner Ansicht nach vom Dresdner Publikum gewollt und angenommen wird“, macht dabei allerdings eine bezeichnende Einschränkung: „Die starke Öffnung des Hauses für das Laienspiel verschiedenster Gruppierungen einer Bürgerbühne birgt allerdings die Gefahr einer Verunsicherung bezüglich ästhetischer Maßstäbe.“

Vielfalt der Formen – Themen der gesellschaftlichen Gegenwart – Öffnung zu unterschiedlichen Publikumsgruppen: Dieser Dreiklang zieht sich wie ein Leitmotiv durch viele Begründungen. Manfred Jahnke lobt das Staatsschauspiel in Stuttgart (drei Nennungen unter Gesamtleistung, drei weitere unter Schauspiel), weil es „auch in den misslungenen Produktionen an gesellschaftlich drängenden Fragestellungen dran bleibt. … Hasko Weber baut die Kommunikation mit dem Publikum über die Theateraufführungen hinaus immer weiter aus, in Gesprächsrunden, die sich ganz weit in die Stadt hinein öffnen.“ Und Volker Oesterreich schreibt über das Schauspiel Frankfurt (drei Voten unter Gesamtleistung, zwei weitere unter Schauspiel): „Mit dem Neustart von Oliver Reese kam ein exzellentes Ensemble an den Main. Außerdem sind die Regiehandschriften und der Spielplan – von der Antike bis zur Zeitgeist-Novität des Hausautors Nis-Momme Stockmann – äußerst vielseitig und damit beispielhaft für andere Häuser.“

Nun aber Szenenwechsel: Auftritt Bernd Loebe und sein Team am Frankfurter Opernhaus. Keiner unserer Autoren spricht hier von tollkühnen Experimenten (obwohl sich das Haus in der kommenden Spielzeit zeitgenössisch bemerkenswert gut aufstellt! – (vergl. Saisonvorschau S. 58); aber die künstlerische Sorgfalt und dramaturgische Konsequenz, mit der Loebe Repertoire und Ensemble seines Hauses entwickelt, sichern ihm mit fünf Nennungen unter Gesamtleistung und je drei unter Oper und unter theatraler Raumsituation/Bühnenbild/Kostüm den zweiten Platz– eine für ein Opernhaus phänomenal gute Platzierung, die untermauert wird durch die Konstanz, mit der dieses Haus seit Jahren vordere Plätze belegt. Wolf-Dieter Peter votiert für die Oper Frankfurt, „weil uneitel und unspektakulär erstklassiges musikalisches Theater geboten wird– künstlerisch überragend geplant, erarbeitet und aufgeführt.“ Und Andreas Berger lobt die „mutige, aber dem Publikum offenbar erfolgreich vermittelte Spielplangestaltung. Mutig ist es dabei sogar auch, mit Britten (,Owen Wingrave‘) und Adès (,The Tempest‘) zwei nicht um jeden Preis avantgardistische moderne Komponisten in ihrer opernhaft-sanglichen Faktur zur Diskussion zu stellen.“

Ähnlich übrigens wie Stuttgart belegt auch Frankfurt sowohl in der Oper wie im Schauspiel vordere Plätze, hier wie dort fällt die Vielfalt der Theater und Theaterformen auf. Wilhelm Roth hat es das Frankfurter Theaterteam Landungsbrücken in einer Lagerhalle der Druckfarbenfabrik Dr. Carl Milchsack angetan: „Das Versuchslabor in der Frankfurter freien Szene, in dem sich Schauspieler anderer Theater (z.B. vom Nationaltheater Mannheim) als Regisseure erproben können. Intelligente Bearbeitungen großer Stücke für kleine Ensembles.“ Und Susanne Benda votiert– mit einem lachenden und einem weinenden Auge– für die Staatsoper Stuttgart: „Ausgerechnet in der Spielzeit, in der die Träger der Staatsoper Stuttgart dem Intendanten Albrecht Puhlmann eine Verlängerung seiner Amtszeit über 2011 hinaus verweigerten, gelingt diesem ein intellektuell wie emotional fordernder Spielplan mit musikalischen Leistungen auf Augenhöhe“.


Frage 2 – PROVINZ: Dessau, Aachen, Saarbrücken


Dies ist die Kategorie der knappen Ergebnisse – diesmal allerdings mit einem klaren Spitzenreiter: „Nach dem Ende der Ära von Johannes Felsenstein ist der neuen Leitung unter André Bücker ein furioser Neustart in allen Sparten gelungen“, schreibt Joachim Lange über das Anhaltische Theater in Dessau, das sich mit acht Nennungen in vier Kategorien (darunter drei unter Provinz und sogar eine unter Gesamtleistung!) klar von der Konkurrenz abgesetzt hat. „An dem traditionsreichen und von aktuellen Budgetkürzungsplänen in seiner Existenz bedrohten Theater knüpft eine überzeugende ästhetische Neuausrichtung an die Stärken des Hauses an, setzt auf dessen Einbindung in die Stadt und die Region und nimmt das Publikum dabei mit. Setzte im Schauspiel Regisseur Armin Petras mit seiner Schleef-Inszenierung gleich zu Beginn ein Zeichen, konnte sich das Musiktheater mit der spektakulären ,Lohengrin‘-Inszenierung von Chefregisseurin Andrea Moses und der vor allem musikalisch erstklassigen Produktion von Aubers Oper ,Die Stumme von Portici‘ sogar als derzeit führendes Opernhaus in Sachsen-Anhalt profilieren. Das gilt ebenso für das Tanztheater von Tomasz Kajdanksi.“

Annette Poppenhäger tritt für das Theater Aachen ein, „das zwar ganz am Rand liegt, mit seinem Programm aber mitten in der Stadt zu Hause ist. Gegenwärtig, stimmig und dicht, so habe ich es erlebt, egal ob auf der großen oder kleinen Bühne, und immer bietet es Neues an, auch in gegenwärtig schwierigen Zeiten.“ Das macht zusammen drei Nennungen: zwei unter Provinz und eine unter Oper. Das Staatstheater Saarbrücken wird in drei Kategorien je einmal genannt, einmal sogar unter Gesamtleistung– Konstanze Führlbeck lobt „in der Oper anspruchsvolle Produktionen des Repertoires wie auch unbekannte und zeitgenössische Werke“. Das Theater Augsburg (Wolf-Dieter Peter: „mit erlebbarem Elan und hohem Engagement ein Köpfe, Augen und Gemüter herausforderndes Gesamtprogramm!“) und das Stadttheater Gießen (Wilhelm Roth: „Das gewohnte Konzept, gut umgesetzt“) kommen auf zwei Nennungen.


Frage 3 – OFF-THEATER: Junges Ensemble Stuttgart

Hier schafft es das JES mit drei Voten (je einmal unter Gesamtleistung, Provinz und Off) – auf den Spitzenplatz, Manfred Jahnke nennt die Stärken des Hauses: „Geschlossene Dramaturgie mit Christian Schönfelder als einem Dramaturgen, der nicht nur klare Konturen vorgibt, sondern auch als Autor ganz klare Maßstäbe setzt. Internationale Vernetzung wie in der wunderbaren Produktion ,Berlin 1961‘ in der Zusammenarbeit mit der internationalen Gruppe NIE: eine Aufführung, in der komische und tragische Momente rasant abwechseln und eine fesselnde Geschichte erzählt wird. Regisseure wie die Leiterin Brigitte Dethier oder Klaus Hemmerle, die mit einer ungeheuren Sensibilität und Musikalität Geschichten erzählen.“ Mit einer Doppelnennung auch wieder ganz vorne dabei: Das Münchner Metropoltheater „unter Jochen Schölch, der im besonderen Ambiente mit ,armen, kleinen‘ Mitteln große Wirkungen, ja unvergessliche Eindrücke erzielt und nebenbei Akademiestudenten an die Realität ihrer Profession heranführt“ (Wolf-Dieter Peter). Eine weitere Doppelnennung: das Rottstraße 5 in Bochum „für seinen Off-Off-Off-Off-…Charakter: wütendes Gegenwartstheater von begeisterten Schauspielern, die einen mit entrücktem Blick schwitzend in einen apokalyptischen Rausch mitreißen, düstere Romantik in Trash-Atmosphäre mit intellektuellem Anspruch, genialische Typen mit Bierflaschen in der Hand stehen im Hof und nicken sich zu – jaja, die Gegenwart, die Kunst, jaja...“ – so schwärmt Christiane Enkeler.


Frage 4 – SCHAUSPIEL: Andreas Kriegenburg

Wieder belegt Andreas Kriegenburg hier den Spitzenplatz, erneut aufgrund seiner Allrounder-Qualitäten, die ihm zusätzlich zu den drei Nennungen unter Schauspiel zwei unter Ausstattung sichern. Michael Laages lässt sich zu einer richtigen kleinen Hommage anregen, die zugleich den Team-Charakter von Kriegenburgs Arbeit akzentuiert: „Die Autorin Dea Loher, der Regisseur Andreas Kriegenburg und die jeweiligen Produktionsteams in den Theatern des Intendanten Ulrich Khuon: für eine Geschichte von wirklich beispielhafter Kontinuität.– Es spricht unbedingt für den Zusammenklang all dieser Profile, dass jede der in dieser Struktur entstandenen Kreationen von neuem derart viel Kraft entwickelt. Khuon setzte früh auf Loher, … ab ,Fremdes Haus‘ ist die Basis der Zusammenarbeit von Loher und Kriegenburg unverrückbar. Sie besteht übrigens durchaus nicht darin, dass die beiden sich immer einig sind, sich auch nur ,einkitschen‘ auf vordergründige Gemeinsamkeit – Loher und Kriegenburg arbeiten auch deshalb auf so einzigartige Weise miteinander, weil der Konflikt, weil die Auseinandersetzung beider Teil des Ringens ist um die angemessenen Theater-Bilder für Lohers große Theater-Sprache. Aufgeladen mit Ödön von Horváths menschenfreundlicher Empathie und den distanzschaffenden Maßnahmen aus Müllers Werkstatt, fordert sie die Phantasie eines Regisseurs, der den Mut hat, sich immer wieder neu fordern zu lassen – darum kann sich die Theaterwelt darauf verlassen, dass auf ,Das letzte Feuer‘ und ,Diebe‘ in (vielleicht) zwei Jahren die nächste großes Zusammenarbeit folgt. Vielleicht? Bestimmt!“

Karin Beier muss hier als Regisseurin noch einmal gewürdigt werden, was wir gern an Joachim Lange delegieren: „Karin Beiers Theaterversion von Ettore Scolas ,Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen‘ in Köln, diese ungewöhnliche Adaption eines Filmstoffes und seine virtuose Umsetzung, steht für die Qualität, die das Schauspiel Köln mittlerweile wieder erreicht hat und gehört für sich genommen zu den interessantesten und packendsten ästhetischen Experimenten auf der Theaterbühne.“ Der Dritte im Bund der dreimal Genannten ist Nicolas Stemann – Ruth Bender hat „Die Kontrakte des Kaufmanns“ gesehen und meint: „Dieser Theaterabend ist eine wunderbare Zumutung und große Kunst, Kabarett und Kapitalismuskritik in einem.“


Frage 5 – OPER: Christoph Marthaler

Der Außenseiter als Spitzenreiter: Mit diesem Paradox lebt Christoph Marthaler seit Jahren – nun auch als in dieser Umfrage vier Mal genannter Opernregisseur. „Doch, doch: Christoph Marthaler“, schreibt Susanne Benda. „Bei der Uraufführung von Beat Furrers ,Wüstenbuch‘ in Basel bewies der Regisseur, dass sich seine Ästhetik der Wiederholungen und seine oft skurrile Poesie der leisen Zwischentöne noch lange nicht totgelaufen haben.“. Andrea Moses folgt ihm mit drei Nennungen auf dem Fuße: „Mit ihrem Dessauer ,Lohengrin‘ ist es der Chefregisseurin des Anhaltischen Theaters gelungen, die Geschichte zu erzählen, ihr Potenzial für die Gegenwart zu erschließen und das Ganze mit einer atemberaubend spannenden Personenregie zu verbinden. Es ist eine Inszenierung, die einen Platz in der Rezeptionsgeschichte des Werkes beanspruchen darf.“ (Joachim Lange) Eine Zweier-Nennung erreicht Claus Guth mit seiner Frankfurter „Daphne“-Inszenierung, die „ein blasses Werk dramaturgisch überzeugend, szenisch völlig neu, psychologisch einschneidend und sängerdarstellerisch anrührend erscheinen ließ“, meint Wolf-Dieter Peter, der auch mit Nachdruck auf „die faszinierenden Drehbühnenräume“ von Christian Schmidt verweist, „weil in ihnen die Ruinen der Erinnerung, süße und fatale Kindheitsräume, geheimnisvolle Tempelrituale und Alltagsambiente visuell unvergesslich verschmelzen“. Und auch Lorenzo Fioroni vereinigt zwei Stimmen auf sich, der Wagners „Die Meistersinger“ an der Oper Kassel „in einer poetisch-vielschichtigen Optik“ inszenierte, „getragen durch eine exakte und kluge Analyse des Textes.“ (Juliane Sattler)


Frage 6 – TANZ: Martin Schläpfer

Martin Schläpfer kommt mit seinem Ballett am Rhein auf vier Nennungen– „weil der Aufbruchsgeist dort und um sein Ballett herum so anregend funkt und nicht durch anbiedernde ästhetische Harmlosigkeiten angeknipst wird, sondern durch harte Arbeit am Feuerstein.“ (Melanie Suchy). Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen werden zwei Mal genannt, „weil sie in ,Logobi‘ einen farbigen Tänzer und eine klassische Tänzerin nach Art eines Streetbattles aufeinander treffen lassen; ein (selbst)ironischer Schlagabtausch über die Eigenarten der Kulturen“, meint Andreas Berger. Ebenfalls zwei Nennungen bekommt Marco Goecke für seine Choreografie „Orlando“ (nach dem Roman von Virginia Woolf) am Stuttgarter Ballett. Vesna Mlakar nennt zudem Friedemann Vogel als Interpreten der Hauptrolle: „Auf erstaunlich bildhaft-stringente Art und Weise ist es ihm gelungen, die inneren Gemüts- und Gefühlswelten der vom Mann zur Frau mutierenden Hauptfigur in der Goecke eigenen, kuriosen, zeichenhaft verschlüsselten, detailreichen und dabei assoziationsanregenden Bewegungssprache zu visualisieren und verständlich in den Handlungskontext einzubinden.“


Frage 7 – AUSSTATTUNG: Oberammergau?

Das ist schon auffällig: Eigentlich hatten wir in dieser Kategorie immer sehr klare Ergebnisse; doch diesmal will schier nichts zueinander passen. Natürlich: Neben den bereits erwähnten Andreas Kriegenburg (Anne Fritsch über sein Bühnenbild zu „Diebe“ am DT Berlin: „Die Figuren werden von einem gigantischen Mühlrad auf die Bühne gespuckt – und verschluckt. Ihre Leben drehen sich im Kreis, bewegen sich und verharren doch an einer Stelle: All das fasst Kriegenburg in ein überzeugendes und spannendes Bild.“) und Christian Schmidt kommen Rebecca Ringst (Bühne) und Gesine Völlm (Kostüme) mit der Ausstattung zu Stefan Herheims Stuttgarter „Rosenkavalier“ auf zwei Voten: Klaus Kalchschmid spricht von einem „aufregend verwandelbaren ,Rosenkavalier‘-Traum-Raum in Stuttgart, in dem Stefan Herheim grandios Regie führt“. Aber einen klaren Spitzenreiter gibt es hier nicht – es sei denn, man wollte Christian Stückl und Stefan Hageneier den Kranz reichen, die dafür, dass sie in Oberammergau ein ganzes Dorf zur Bühne gemacht haben, sogar drei mal genannt werden– in unterschiedlichen Kategorien und Zuschreibungen allerdings.


Frage 8 – ENTTÄUSCHUNG: Kahlschlagpolitik

Dafür ist die Eindeutigkeit bei der Frage nach der Enttäuschung rekordverdächtig. Wir zitieren stellvertretend für an die 20 (!) Voten mit ähnlicher Tendenz Dieter Stoll. „Modelfall Wuppertal: Wenn eine Stadt dieser Größe und Bedeutung per Federstrich sein Schauspiel auflösen kann, wird das die Ignoranten unter den Politikern in ganz Deutschland ermutigen und in Stellung bringen. Da handelt es sich um Hundertschaften, die gerne mal auf Kosten der Kultur den Tatkraftmeier geben werden. Der Aufschrei dagegen hätte noch viel lauter sein müssen.“ Wobei unsere Autoren eine differenzierte Wahrnehmung dieser Probleme haben. Stefan Keim analysiert: „In der Finanzkrise herrscht vielerorts Planlosigkeit. Manche Städte wie Essen oder Dessau geben den Kultureinrichtungen ausschließlich monetäre Sparziele vor, ohne eine Debatte zu führen, was unverzichtbar und was entbehrlich ist. Damit wollen sie sich aus der Verantwortung stehlen. Immer noch fehlt ein Blick für die Region, für die Kulturräume, besonders in NRW. Das Problem ist seit Jahren erkannt, wenig wurde getan, nichts hat sich bewegt. Diese Schlampigkeit hat zur aktuellen Krisensituation direkt beigetragen, jetzt muss ein Rettungsschirm her, um nicht in Panik die Aufbauarbeit von Jahrzehnten zu zerstören.“

Einige Autoren sehen auch, dass der kulturelle Kahlschlag nicht nur von (Stadt-)Staats wegen stattfindet, und dass die Theater auch unter indirekten Effekten leiden. Elisabeth Feller zum Beispiel beklagt „die Pressekonzentration bei den Zeitungen (durch Fusionieren) und die Marginalisierung der Kulturberichterstattung aufgrund angespannter finanzieller Mittel.“ Und Manfred Jahnke kritisiert, „dass selbst in regionalen Zeitungen nur noch lokale Kritik stattfindet und kein Ausblick mehr auf die Region. Provinz verschwindet hinter den Metropolen, wodurch diese provinziell werden.“

Da zitieren wir, als Ermahnung an alle Medienmacher (und damit auch an uns selbst), zum Schluss gern Michael Laages‘ flammendes Plädoyer für das Provinztheater, mit dem er sein Votum für das Deutsche Theater in Göttingen verbindet: „Das Profil des kleinen Hauses in der Studentenstadt schärft sich in jüngerer Zeit durch Regisseurinnen und Regisseure, deren Weg am Boulevard der Top-Stars beendet zu sein schien: mit Volker Hesse, Thomas Bischoff oder Christina Friedrich kommen Handschriften wieder ins Spiel, deren Qualitäten viel zu früh unterschätzt wurden. Dass Hausherr Mark Zurmühle auch nach zehn Jahren im Amt die Handschriften herausfordert, die so gar nicht der eigenen entsprechen, spricht für selbstbewusste Haltung. Grundsätzlich und obendrein bliebe aber anzumerken, mit welch erstaunlicher Selbstverständlichkeit die kleineren Bühnen in der überlebenswichtigen, ganz und gar einzigartigen deutschen Theater-Provinz für immerwährende Erneuerung sorgen; abseits der naturgemäß auch präsenten Routine. Lasst uns immer wieder nach Konstanz reisen und nach Kiel, nach Bielefeld und Schwerin, nach Augsburg, Jena und Chemnitz, Wilhelmshaven, Osnabrück und Magdeburg: Nicht alles müssen wir gesehen haben dort– aber wir sollten wissen, dass der Kern der Theater-Seele hierzulande dort zu finden ist. Die ,großen‘ Häuser mit den ,bedeutenden‘ Aufführungen liegen dann eh an der Reiseroute.“

Dem haben wir nichts hinzuzufügen!