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Der Herr der Bilder

Silviu Purcarete inszeniert am Bonner Opernhaus Philip Glass' Oper "Satyagraha"

Das von dem indischen Politikerphilosophen Mohandas K. Gandhi kreierte Wort "Satyagraha" bedeutet so viel wie: Festhalten an der Wahrheit. Von einer Oper, die dieses Wort als Titel führt, wird man nicht unbedingt eine dialektische Weltsicht erwarten. Gandhis Lehre war, ungeachtet ihre weitreichenden praktischen Implikationen, tief geprägt durch den Hinduismus. Und Philip Glass' Oper stellt sich rückhaltlos in den Dienst dieser Lehre, die sie mit dem einschmeichelnden Melos der Gesangsstimmen und der Insistenz ihrer kreisenden melodischen Patterns verkündet. Michael Altmann versteht sie als "sakrales Musiktheater" (in seinem 1993 erschienen Buch). Und genau so hat sie nun Silviu Purcarete auf die Bühne des Bonner Opernhauses gebracht.

Zunächst einmal: Dass die Bonner Oper dieses seit der Erstaufführung in Stuttgart 1981 in Deutschland nicht mehr gezeigte Werk zur Diskussion stellt, ist hochverdienstvoll. Verdienstvoll auch deshalb, weil dem Ensemble unter der kompetenten Leitung von Ulrich Windfuhr eine maßstäbliche Realisation gelingt. Windfuhr, bis 2003 GMD in Kiel und nun als Gast in Bonn, erreichte bei der Premiere genau jene nicht-expressive Intensität, die diese ganz aus der Struktur heraus wirkende Musik unbedingt braucht. Die unablässig wiederholten melodischen Patterns, die Glass in ihren zahlensymbolischen Verhältnissen minutiös auf die indische Mythologie und Musiktheorie abgestimmt hat, nimmt Windfuhr in strenger Regelmäßigkeit, ohne jede Agogik oder Phrasierung im romantischen Sinn. Und das durch elektrische Orgel verstärkte Bonner Beethoven Orchester sowie der von Sibylle Wagner einstudierte Chor folgen ihm minutiös. Mark Rosenthal singt die Tenorpartie des Gandhi mit aller Metiersicherheit des traditionellen Operngesangs, die Glass hier vorsieht, und mit einfühlsamer Differenzierung in Dynamik und Ausdruck. Unter den übrigen, durchweg rollendeckend agierenden Solisten ragt der leuchtend präsente Sopran von Sylvia Koke (u.a. als Gandhis Sekretärin) eindrucksvoll heraus.

In der Ausstattung von Helmut Stürmer und dem Lichtdesign von Thomas Roscher entwirft Silviu Purcarete ein sinnebestürmendes Bildertheater. Hintergrundprospekte leuchten in üppiger Farbe, davor werden in sehr übersichtlicher Slow-Motion-Personenführung (für die Purcarete sich des Beistands der Choreographin Simona Furlani versicherte) schattenhafte Gestalten zu malerischen Tableaus arrangiert. Zu Beginn steht eine Gruppe von Kämpfern zwei übermannshohen Götterfiguren gegenüber, die dem Fürsten Arjuna und seinem Lehrmeister Krishna korrespondieren, zwei Figuren aus der indischen "Bhagawadgita": eine Anspielung auf die Eingangsszene auf dem Schlachtfeld Kuru. Purcarete weicht allerdings im Folgenden deutlich von dem in Sanskrit verfassten Libretto von Constance de Jong ab. De Jong unterlegt konkrete historischen Szenen aus Gandhis Leben (Gandhis Wirken auf der Tolstoi Farm, sein Kampf gegen die Registration Act der britischen Regierung in Südafrika) mit Zitaten der "Bhagawadgita" und bezieht so religiöse Lehrsätze und praktische Politik unmittelbar aufeinander. Purcarete hebt demgegenüber viel stärker auf religiöse Symbole ab: Die eigentlich vorgesehenen Beobachterfiguren (Leo Tolstoi, Rabindranath Tagore, Martin Luther King Jr.) sind eliminiert, stattdessen tauchen immer wieder Götterfiguren auf, brennen heilige Feuer, wir sehen einen durch Kerzen illuminierten Nachen, auf dem eine bandagierte Mumie über die Bühne gezogen wird.

Damit verstärkt Purcarete noch den Affirmationscharakter der Musik. Die Einsinnigkeit von suggestivem Bild, sentenziösem Text (in der Übertitelung) und verkündungsseliger Musik gibt dem Abend ein seltsames Aroma von Götter- und Heldenverehrung, das einem aufgeklärten Westeuropäer doch etwas seltsam aufstoßen kann. Kann, aber offenbar nicht muss: Purcaretes sakrales Bildertheater fand in Bonn ein begeistertes Publikum. Die Inszenierung verhält sich zur Wirklichkeit ähnlich wie Peter Jacksons "Herr der Ringe"-Filme: Sie überwältigt mit Panoramen einer märchenhaften, auf etwas nebulöse Weise sinnerfüllten Welt, die zur seelenlosen Unübersichtlichkeit der Wirklichkeit einen erholsamen Gegenpol bildet. Genau damit aber neutralisiert sie den politischen Impuls, der – neben der religiösen Inspiration – ein zentrales Moment sowohl in Gandhis Wirken wie in Philip Glass' künstlerischen Absichten bildet.

Philip Glass: Satyagraha
M. K. Gandhi in Südafrika
Oper in drei Akten
Gesangstexte aus dem altindischen Lehrgedicht "Bhagawadgita" zusammengestellt von Constance de Jong
In Sanskrit mit deutschem Übertiteln
Premiere: 13. Juni, Oper Bonn
Musikalische Leitung: Ulrich Windfuhr
Inszenierung: Silviu Purcarete
Bühne und Kostüme: Helmut Stürmer
Choreinstudierung: Sibylle Wagner
M. K. Gandhi: Mark Rosenthal
Miss Schlesen, seine Sekretärin: Sylvia Koke
Kasturbai, seine Frau: Bea Robein
Mr. Kallenbach: Mark Morouse
Parsi Rustomji: Martin Tzonev
Mrs. Naidoo: Katrina Thurman
Mrs. Alexander: Bea Robein
Lord Krishna: Martin Tzonev
Prinz | Fürst Arjuna: Mark Morouse
Chor des Theater Bonn
Beethoven Orchester Bonn