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Dramaturgisch matter Schrecken Puccinis „Tosca“ als Übernahme zur Festspieleröffnung im Münchner Nationaltheater Die Bühne kann entlarven. Sie tat es. Da gab es viel elegant formulierte Hochstilisierung einer Übernahme als erste Festspielpremiere zum „künstlerischen Ereignis von Welt-Niveau“: So viel Umformung der New Yorker Produktion, dass es fast einer Neuinszenierung gleichkäme; Regisseur Luc Bondy drei Wochen hier vor Ort und nicht als Intendant bei den gleichzeitigen Wiener Festwochen; Weltklasse-Besetzung… Die Premiere ließ vieles als heißes PR-Lüftchen entweichen. Liegt Bondys große Zeit als sensibler Neu-Interpret bekannter Opern nicht doch in der Gérard-Mortier-Ära 1981-91 in Brüssel? Bondys „Tosca“-Sicht enthält Fehler, Ungeschicklichkeiten und Hinzufügungen, die einen Regiestudenten durchfallen lassen würden: So liegt der wichtige Fluchtschlüssel auf einer offenen Empore, auf der dann auch der Polizei- und Geheimdienstchef Scarpia auftritt; das „Te-Deum“-Finale ist im verwinkelten Backstein-Kirchenraum handwerklich und dramaturgisch schlecht gruppiert; die Kleriker-Kostümierung und -Ausstattung enthält Fehler bis hin zur Tatsache, dass eine Madonnen-Statue im „Te deum“ nichts zu suchen hat; dass Scarpia, ein kahlköpfiger, bulliger Hüne, vor aller Augen diese Madonna wie in einer Sex-Attacke an sich reißt, ist eine dramaturgische Unmöglichkeit; doch schon vorher hat dieser doch mit allen Raffinessen des stilisierten Umgangs vertraute Adelige des Ancien Regime Tosca das Weihwasser nicht etwa fies-galant angeboten, sondern ihre Hand einfach ins Becken gedrückt Scarpia ein Prolo-Macho? Der bühnengroße, mit zwei Treppen offene Raum für das Kabinett Scarpias ist ein weiterer Fehler von Richard Peduzzis Bühnenbildern: „Spoletta, chiudi schließe!“ weist Scarpia seinen miesen Handlanger an, um alle weiteren verschlagenen Winkelzüge geheim zu halten nichts davon; Scarpia vergnügt sich vor seinen Schergen mit drei Huren; Spoletta, eigentlich von Scarpia wie ein Hund behandelt, spielt schon mal mit dessen Pistole herum, zieht sich den edlen Übermantel aus und sitzt hemdsärmelig bei Tosca auf dem Kanapee; Tosca entdeckt schon in ihrer doch ganz als reflektierendes Lebensresumee gedachten Arie „Vissi d’arte“ das spätere Mordmesser und legt es wieder weg; sie tötet Scarpia im Affekt, ist entsetzt über ihre blutigen Hände und den blutbefeckten Passierschein, steigt dann in den Fensterrahmen und überlegt also hier schon einen tödlichen Sprung macht es sich dann aber auf der zweiten Couch bequem und fächelt sich Kühlung zu mit der Leiche nebenan. Das stark abstrahierte Hochplateau der Engelsburg des 3.Aktes ist akzeptabel. Dass Tosca dort auf einer Seitentreppe zweimal den verfolgenden Soldaten gekonnt mit Händen und Fußtritt attackiert, ehe sie in den Tod springt, wäre eine Idee, wenn Bondys Personenregie sie zuvor als „Bühnentier“ gezeichnet hätte. Doch Kartia Mattilas Tosca ist ein etwas leichtgewichtiger, sich kapriziös selbst inszenierender Sopran-Star, dem man eher nur die Zerstörung des Cavaradossi-Bildes der Nebenbuhlerin glaubt ein Bild, das eine Magdalena mit nacktem Busen zeigt, kaum ein Kirchenbild. Davon ist auch die musikalische Interpretation geprägt: Mattila singt gut, aber ohne die nötigen dramatischen „spinto“-Qualitäten, die wirkliche Tosca-Stars besitzen auch in München zu hören von Rysanek über Kabaivanska, Kubiak, Marton, Jones bis Behrens. Juha Uusitalo blieb mit hellem Bariton viel zu viele „böse“ Facetten Scarpias schuldig. Den zurecht nicht überschäumenden Jubel haben nur zwei Interpreten verdient: Dirigent Fabio Luisi dehnte zwar Puccinis raffinierte Farbenreize oft sehr, was der Aufführung den jagenden Furor eines Untergangsthrillers nahm, aber das Staatsorchester brillierte mit einer nuancen- und nebenstimmenreichen Klang-Palette erster Güte. Auf der Bühne überragte Jonas Kaufmann alle: sein Cavaradossi vereinte blendende Erscheinung mit musikalisch motivierter Darstellung eines freigeistig scheiternden Künstlers. Dazu gestaltete Kaufmann mit beeindruckend differenzierten Tenor-Tönen sowohl die erotische Emphase von Cavaradossis Beziehung zu Tosca in „Recondita armonia“ wie die ganz im mezza-voce-Piano beginnende Verzweiflung und dann „schreiende“ Todesangst in „E lucevan le stelle“ die einzige Festspielleistung bei Preisen bis 243 Euro, ansonsten keine Spur von „Welt-Niveau“. |
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