|
Konsum kontra Natur Die Tänzerin im grünen Kleid krabbelt barfuß über braun-grüne Würfel, guckt sich hektisch um, pirscht weiter. Sie wirkt wie ein Tier, das von seinem Platz vertrieben worden ist. In Antje Roses Tanzstück „Dance for Nature“, das im „emma-theater“ des Theaters Osnabrück uraufgeführt wurde, symbolisiert Viviane Frehner die von der Konsumgesellschaft bedrohte Natur. Den Gegenpart bildet Krzysztof Zawadzki als personifizierte Maschine mit kraftvollen, kantigen Bewegungen. Hier die Natur zwitschernde Vögel, leuchtende Sonnenblumen dort laute Autos und dröhnende Flugzeuge. Zwei Parallelwelten prallen aufeinander. „Dance for Nature“ ist ein besonderes Tanzprojekt, denn Viviane Frehner und Krzysztof Zawadzki sind die einzigen professionellen Tänzer in diesem Stück. Hauptakteure sind 40 Jugendliche aus einer Haupt- und Realschule in Osnabrück sowie Mitglieder einer multikulturellen Theatergruppe. Das Thema Natur und Umweltschutz hat die Niedersächsische Auslandsgesellschaft eingebracht, ein gemeinnütziger Verein, der zur Völkerverständigung beitragen will und sich für Integration und Ökologie einsetzt. Finanziell getragen wird das Modellprojekt von der Deutschen Bundesumweltstiftung, mit dem Ziel, Jugendliche aus unterschiedlichen kulturellen und sozialen Kontexten für Natur und Umweltschutz zu sensibilisieren. Theaterpädagogisch unterstützt wurde Antje Rose in der zehnmonatigen Vorlaufzeit, Recherche in Wald und Feld inklusive, von Anja Deu und Jörn Glitzenhirn. Die Musik stammt von Markus Rohde, der hier ein ansprechendes Potpourri von summenden Fliegen bis hin zu wummernden Bässen zu Gehör bringt. Der Anfang ist ländliche Idylle, choreografisch sehr vereinfacht: Die Jugendlichen mimen fauchende Tiere, laufen, in Reihe hintereinander aufgestellt, wie die Tausendfüßler oder schlagen Purzelbäume auf imaginären Wiesen. Dann brechen Menschen in diese natürlichen Lebensräume ein, verteilen ihren Müll. Konsum kontra Natur. Antje Rose wählt eindeutige Bilder für die bedrohte Umwelt, bringt säckeweise Plastikabfall auf die Bühne oder lässt die Jugendlichen mit einfachen, ruckartigen Bewegungen Maschinen darstellen. Dabei gelingt es ihr immer wieder, die Bühne in verschiedene Bereiche aufzuteilen, in denen die Jugendlichen gemeinsam und komplex miteinander agieren. Was am Anfang von der Ausführung her noch sehr kindlich, teils auch unbeholfen wirkt, verwischt sich im Verlauf. Einzelne Charaktere treten hervor und die Jugendlichen zeigen von Hip-Hop oder Breakdance dominierte Tanzsequenzen, die sich sehen lassen können. Dabei wirken die Darsteller auch musikalisch mit, trommeln auf Kisten oder Koffer, schlagen Blechbüchsen gegeneinander und haben sichtlich Spaß an der Sache. Antje Rose orientiert sich offensichtlich an Themen, die Jugendliche heute angehen. Internet und Handy kommen immer wieder zur Sprache, etwa wenn sich jugendliche Wanderer, hilflos vom „Netz“ abgeschnitten, auf den Weg zur Bergbesteigung machen. Oder wenn Mädchen kreischend ihre verlorenen Kontakte betrauern, weil sie im morgendlichen Stress versehentlich die Handys getoastet haben. Viviane Frehner und Krzysztof Zawadzki treten an entscheidenden Stellen immer wieder auf, dienen den Jugendlichen als Vorlage und bereichern das Stück durch kraftvolle, dynamische Tanzsequenzen. Am Ende steht ein leidenschaftliches Plädoyer für nachhaltigen Umweltschutz, wenn sich eines der Mädchen vor dem Publikum aufbaut und von verschmutztem Wasser, Müllbergen oder Kindersterblichkeit in der Dritten Welt spricht. Und es hat etwa Mitreißendes, wenn das gesamte Ensemble am Schluss den Titelsong „dance for nature“ singt. Ein ambitioniertes Tanzprojekt von großem Wert, für die beteiligten Jugendlichen wie auch für das größtenteils junge Publikum. |
|||