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Dreimal Diaghilevs Geist

„In the Spirit of Diaghilev” bei den Movimentos Festwochen in Wolfsburg
Von Hartmut Regitz

Kaum zehn Minuten dauert eigentlich das Stück – und doch hat es immer wieder Versuche gegeben, mit ihm einen ganzen Abend zu füllen. Sidi Larbi Cherkaoui geht nicht so weit, doch auch bei ihm braucht der „Faun” mehr Zeit, als ihm Claude Debussy in seinem „Prélude” vorgegeben hat. Nitin Sawhney hat in seinem Auftrag ein paar „Ergänzungen” komponiert, die immer wieder dann dämpfend eingeschoben werden, wenn sich das Tier im Mann nicht mehr beherrschen kann: eine durchaus vertretbare Variante eines Balletts, das 1912 in der Interpretation Vaslav Nijinskys einen Skandal ausgelöst hat, inzwischen aber als Meilenstein innerhalb der Geschichte der choreografischen Moderne allgemeine Anerkennung findet.

„In the Spirit of Diaghilev” nennt sich das dreiteilige Programm von Sadler’s Wells London, das der „Faun” beschließt. Im Rahmen von Movimentos zum ersten Mal in Deutschland zu sehen, beschwört es seinen Geist, indem es Ideen und Initiativen des Ballettbegründers auf unterschiedliche Weise weiterentwickelt. Im Falle des „Fauns” bedeutet das insofern Erfüllung, als sein Begehren auf Bereitwilligkeit stößt. Anders als bei Nijinsky begegnet ihm die Nymphe diesmal auf gleicher Augenhöhe. Daisy Phillips verkörpert sie, eine kraftvolle Tänzerin, emanzipiert in ihrer Erotik. Im Verlauf des nunmehr 16 Minuten langen „Akts” bleibt sie dem Faun James O’Haras nichts schuldig, und vor einer herbstlichen Waldkulisse vereinen sie sich auf eine Weise, die es dem Zuschauer, d. h. dem Voyeur schwer macht, die Gliedmaßen der beiden Protagonisten noch voneinander zu scheiden: ein Duo, das sich zeitweilig so zu einem „Solo” verdichtet, dass es wie ein Ganzes wirkt.

Ein echtes Solo steuert Russell Maliphant mit „AfterLight (Part One)” bei, und der Londoner Choreograf bezieht sich dabei erklärtermaßen auf Vaslav Nijinsky und dessen zeichnerisches Werk, das unlängst in der Hamburger Kunsthalle zu besichtigen war. Und in der Tat: als wäre er der legendäre Star der Ballets Russes, dreht sich Daniel Proietto im Kreis. Er scheint, in einem einzigen Spot stehend, sich nicht von der Stelle zu bewegen, während aus dem Off Saties „Gnossiennes” erklingen. Und doch ist die Welt um ihn herum ausgezirkelt, eine Lichtprojektion Michael Hulls, die sich wie seine Aura erst ausweitet, dann verwirbelt, um sich am Schluss im Dunkel des KraftWerks zu verlieren: ein letztes Aufflammen seiner Kunst, bevor sie am Ende als Wahnsinn implodiert.

Eine Viertelstunde braucht Maliphant für ein Mirakel, bei dem man tatsächlich den Eindruck hat, als stünde ihm Serge Diaghilew Pate. Doppelt so lang dauert „Dyad 1909”, das den Impresario im Gründungsjahr der Ballets Russes dem Polarforscher Ernest Shackleton gegenüber stellt – so, als trennten sich 1909 die Wege von Kunst und Wissenschaft, die Wayne McGregor in seinen Stücken wieder zusammenführen will. Trotz größter Anstrengung ist das diesmal dem sonst durchaus originellen Hauschoreografen des Royal Ballet nicht gelungen.

Sadler’s Wells:
Wayne McGregor: In the Spirit of Diaghilev/Dyad 1909
Russell Maliphant: AfterLight (Part One)
Sidi Larbi Cherkaoui: Faun
Informationen: www.autostadt.de