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Geile Götter Das Theater Basel mit Cavallis barocker „La Calisto“ Es ist wie früher in der Kirche: Die Frauen dort, die Männer hier. Dazwischen: Die Bühne beziehungsweise der Streifen, der von ihr übriggeblieben ist, wie ein beregneter Schinken im Sandwich eingeklemmt von zwei Orchestern. Bühnenbildner Stephane Laimé hat (einmal mehr) ganze Arbeit geleistet und den ganzen Zuschauerraum des Basler Theaters am Vorhang auf die Bühne gespiegelt. Drei Stunden hat man das andere Geschlecht vor Augen. Die ganze Geschichte, in der ganze und Halbgötter den ihnen wehrlos ausgelieferten Menschen bös mitspielen, spielt also vor lebendiger Folie: Wir alle Sänger, Musiker und Zuschauer sind Teil des Spiels. Und dieses erweist sich als wunderbar saftig und theaterprall, ohne dabei aber die Exaktheit der szenischen oder musikalischen Figurenzeichnung zu opfern. Vor zwei Jahren hatten der italienische Barockspezialist Andrea Marcon und der deutsche Schauspielregisseur Jan Bosse die ersten Akte von Monteverdis „Orfeo“ im Foyer spielen lassen, jetzt haben sie für Francesco Cavallis 1651 in Venedig uraufgeführte Oper „La Calsito“ eine andere, gleichermaßen bezwingende Lösung gefunden, die Guckkastensituation aufzubrechen. Wenn Jupiter (Bass Luca Tittolo, der als Frau verkleidet lange nur im Falsett singt) auf die Erde kommt, ist er ein Proll im seidenen Morgenmantel, der von der Männertribüne steigt. Die schöne Dienerin Calisto (einmal mehr eine musterhafte Singdarstellerin Maya Boog), deren Verführung der zentrale Strang der ziemlich wilden Verwechslungs-, Verkleidungs- und Travestiegeschichte ist, entdeckt er mitten unter den Zuschauerinnen. Die sexuellen und Beziehungsnöte der antiken Figuren aus einer Geschichte aus Ovids Metamorphosen erweisen sich dann nämlich als erstaunlich zeitlos man lacht in bester Komödientradition eigentlich über sich selber (oder wenigstens die Nachbarin oder den Onkel). Klanglich funktioniert die ungewohnte Platzierung der Musiker erstaunlich gut, Marcon und das Barockorchester La Cetra formen die langen, meist nur von kurzen ariosen Momenten durchsetzten Rezitative ausgesprochen plastisch und vor allem immer im Sinn einer musikalischen Figurenzeichnung, die sich mit der szenischen perfekt verbindet. Das Ensemble dafür überzeugt ohne einzigen Schwachpunkt (neben den Genannten sind Nicolai Borchevs Merkur, Agata Wilewskas Diana und Xavier Sabata als Endimione hervorzugeben) bemerkenswert auch, weil für die kleineren Rollen Studierende der Hochschule für alte Musik Schola cantorum basliensis besetzt sind. Betörend schön der Schluss, kitschig nur in der Beschreibung: Jupiter kann Kallisto nicht vor der Rache seiner Gattin retten, sie aber nach ihrem Tod zum Sternbild erheben. Dank verteilten LED-Lämpchen werden alle Teil des Sternenhimmels. Traumhaft und traumhaft schön tönen die Stimmen bildlos aus dem Raum: Am Schluss ist Musik und Zuschauerbeteiligung. |
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