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Was steht drauf? Was ist drin?

Beide große Bühnen in Hamburg setzen auf Mogelpackungen: „Große Freiheit Nr. 7“ am Thalia Theater und „Die Dreigroschenoper“ am Deutschen Schauspielhaus
Von Michael Laages

Abende gibt's im Theater, die sind, wie es scheint, vor allem zum Ärgern da. Aber nicht etwa, weil Familie Jedermann im Abonnement nicht willens oder in der Lage wäre, den tief und verwegen gründelnden Ideen zu folgen, die das jeweilige Inszenierungsteam den Themen, Motiven und Hintergründen der Arbeit womöglich übergestülpt hat – nein, es scheint an solchen Abenden ausschließlich darum zu gehen, das vertraute Bild zu zerstören, das Klischee, das Idyll, das im Kopf des Kunden oft jahrzehntelang überlebt hat; die Hoffnung auf ein Wieder-Sehen soll definitiv und grundsätzlich gar nicht erfüllt werden, sonst nichts. Fast zeitgleich haben die beiden großen Theater in Hamburg Produktionen vorgestellt, die offenbar nichts wollen als das: enttäuschen.

Jarg Pataki unternahm (intellektuell und wortreich gestützt im Programm-Falter vom Chefdramaturgen Michael Propfe) den sehr sonderbaren Versuch, „Die Dreigroschenoper” zu erarbeiten, ohne dass darin Brecht so recht vorkommt. Sie hätten, so charakterisierte Propfe die Arbeit, diesen Allzeit-Klassiker quasi zurück versetzen wollen in jenes Stadium der „Versuche”, als die der Dramatiker selber die früheren frühen Stücke verstand; als „Brecht-Werkstatt” sozusagen, noch ohne jede verbindliche, ins Modell gegossene Form. Das wäre ja als Gedanke durchaus achtbar – nur haben Pataki und Propfe bei dieser Gelegenheit quasi Brecht um Brecht reduziert, ihn auf knapp über Null gebracht. Geblieben sind die braven Texte des Boulevard-Plots, jede ansatzweise aktuell verstehbare Spitze ist gekappt, es wurde gestrichen und umgestellt, bis 100 Minuten übrig blieben. Da andererseits (und bekanntermaßen) mit den Weill-Erbverwaltern noch erheblich mehr Ärger droht als mit dem Brecht-Clan, blieb die Musik unbehelligt, wurde nur ergänzt um ein paar atmosphärische Free-Jazz-Passagen; die Musiker um Markus Voigt spielen obendrein stehend und gehend auf der Bühne mit. Übrig blieb also (wie es das vom „Mahagonny”-Stoff ja auch gibt) eine Art „Dreigroschen-Singspiel”.

Irgendwann im Irgendwo vor Beginn von Zeit und Zivilisation soll das Werk hier spielen, die Erde ist leer und wüst, das Ensemble ruht zu Beginn zwischen Gesteinsbröckchen. Ein Kind mit einer Art Mickymausmaske vor dem Gesicht weckt die schlafenden Lemuren; die sind nun aber nicht etwa nackt und bloß (was immerhin logisch wäre, aber eben leider auch viel zu mutig!), sondern sie haben stattdessen fleischfarbene Ganzkörperkondome an; nur Tim Grobe als Mackie Messer darf den ganzen Abend über sehr viril den ansehnlichen Oberkörper zeigen. Immerhin. Manchem Kollegen, mancher Kollegin auf der Bühne ist allerdings auch anzusehen, wie sehr sie diese Klamotten hassen – weil sie so unfassbar lächerlich aussehen. Und sie selber in ihnen.

So ist aber nun der ganze Abend – lächerlich, szenisch und (bei genauerem Blick auf das offizielle Rechtfertigungspalaver im Programm) auch gedanklich. „Bloß keine ,Dreigroschenoper‘!” – das scheint das zentrale, ach was: das einzige Motto dieser Brecht-Abwicklung gewesen zu sein.

„Bloß kein Hans Albers!” - das mag sich Luk Percevals Team parallel am Thalia Theater für den szenischen Versuch mit Helmut Käutners Film „Große Freiheit Nr. 7” vorgenommen haben. Bloß kein Albers, bloß kein Akkordeon, um Himmels willen kein Hamburger-Hafen-Klischee! Tja. Nun besteht aber der Film, 1943 schon unter starker Kriegsbehinderung entstandene und dann von der Goebbels-Zensur nicht zugelassen, quasi ausschließlich aus Hans Albers (und Hans Söhnker und Mady Rahl und überhaupt einem tollen Ensemble), aus Akkordeon und Hamburger-Hafen-Klischees – Perceval eliminiert all das, lässt Matthias Leja in der Rolle des Tingeltangel-Sängers und Ex-Seemanns Hannes Kröger trübe ins Mikro raunen und von der Arbeits- und Sozial-Situation im Hamburger Hafen heute erzählen (wie aus dem alternativen Fremdenführer-Handbuch!), lässt drum herum machomäßig wie von heute fluchen und mit italienischen Schuhen oder peruanischem Kokain dealen, lässt auch in der ruinenhaften Kulisse einen eh schon abgetakelten Traum zerstören. Aber wie sang schon Udo Lindenberg vor 30 Jahren über die Reeperbahn: „Kulisse für ‘nen Film, der nicht mehr läuft”. Und weiter: „Ich sag Dir, das tut weh”.

Soll es auch jetzt wieder: wehtun, ärgern. Und nichts als das. Dass Gabriela Maria Schmeide herrlich singt – dieser Ton bleibt; auch das Bild von Franziska Hartmanns schrillgrün bestrumpften Beinen. Aber sonst? Reihenweise verlassen all jene das Lokal, die sich irgendwie erinnert haben mögen, wovon wohl der Film handelte, und die gerade deshalb ins Theater kamen. Was draußen drauf stand, war aber nicht drin; sie haben nichts, aber auch reineweg gar nichts wieder gefunden, und darüber hinaus womöglich sogar bemerkt, dass das Absicht war: dass sie enttäuscht werden sollten mit dieser Mogelpackung. Was draußen drauf stand, war nicht drin. Sie kommen wahrscheinlich nicht wieder. Das ist ihnen nicht einmal übel zu nehmen.

Wer aber Hannes Messer oder Mecki Kröger nur zur Zerstörung frei gibt auf der Bühne, handelt vorsätzlich fahrlässig. Bei Verkehrsverstößen steht darauf Führerscheinentzug.



Nach Helmut Käutner: Große Freiheit Nr. 7
Thalia Theater Hamburg. Premiere: 23.4.2010
Informationen und Termine: www.thalia-theater.de

Bertolt Brecht und Kurt Weill: Die Dreigroschenoper
Deutsches Schauspielhaus Hamburg. Premiere: 24.4.2010
Informationen und Termine: www.schauspielhaus.de