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Freakshow der Verzweifelten

Tina Lanik inszeniert „Wir kommen gut klar mit uns“ im Münchener Marstall
Von Anne Fritsch


„O Jesses, jetzt weiß ich, das sind die, die so jodeln!“, ruft das „kleine Metall-Mädchen“ aus, wenn es an die Deutschen denkt. Die junge polnische Autorin Dorota Maslowska will mit ihrem zweiten Theaterstück ganz offensichtlich an ihr Erfolgsrezept anknüpfen: den spielerischen und provokativen Umgang mit Ost- (und West-)klischees. Der sicherte sowohl ihrem ersten Roman „Schneeweiß und Russenrot“ als auch ihrem ersten Stück „Zwei arme polnisch sprechende Rumänen“ die internationale Anerkennung.

In „Wir kommen gut klar mit uns“ schickt sie drei Generationen polnischer Frauen in die Arena: Die „trübselige Alte“, die im Rollstuhl sitzt und sich tagein tagaus an den Krieg erinnert. Halina, die sich über Magazinen aus dem Altpapiercontainer in eine schönere Welt träumt. Und das „kleine Metall-Mädchen“, das auf sein fehlendes Zimmer, sein fehlendes Handy und seine fehlende Zukunft mit Zynismus reagiert. Dazu stoßen die monströs fette Bożena, ein schmieriger Drehbuchautor und allerlei andere merkwürdige Gestalten. „Wir kommen gut klar mit uns“ ist eine Freakshow der Verzweifelten, Maslowskas Figuren sind Karikaturen. Alles, was sie sagen, ist ausgestellt. Alles, was sie tun, ist übertrieben.

Tina Lanik, die die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks im Münchner Marstall inszenierte, reagiert darauf mit noch mehr Übertreibung. Sie steckt Bożena in den kolossalsten Fettanzug aller Zeiten, verkleidet das Metall-Mädchen als kleine Schlampe und Halina als ungepflegte Messie-Frau. Bühnenbildnerin Magdalena Gut hat den Raum mit Müllsäcken vollgeladen, die sich hinter den Trümmern eines Bombenangriffes im Zweiten Weltkrieg auftürmen. Vor dieser Kulisse lässt Lanik ihre Schauspieler ekelhafte Brühe aus Dosen trinken und kotzen, führt sie als obszön und ordinär vor. Verglichen damit ist der Text geradezu unaufdringlich. Berühren tut einen in diesem plakativen Kuddel-Muddel nur eine: Jennifer Minettis trübselige Alte, für die die Schauspielerin ihre gewohnte Härte ablegt und eine ganz zarte und zerbrechliche Seite dieser Figur zeigt. Wenn sie sich das kleine Transistorradio ans Ohr hält und den Klängen von „Lili Marleen“ lauscht, kann sich auch der Zuschauer kurz wegträumen aus dieser trostlosen Welt.

Die übrigen Polen, das sind hier entweder verkommene oder oberflächlich glitzernde Zeitgenossen. Wenn der Blick von innen aufs eigene Land zu einem Blick von außen wird, ist das immer ein sensibler Vorgang. In diesem Fall ein fragwürdiger. Denn nach diesem Abend möchte man ausrufen: „O Jesses, jetzt weiß ich, die Polen, das sind die, die so eklige Suppe fressen!“


Dorota Maslowskas: Wir kommen gut klar mit uns
Bayerisches Staatsschauspiel, Marstall. Premiere: 10.4.2010
Informationen und Termine: www.bayerischesstaatsschauspiel.de