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Mehr „Namedropping“ als Durchdringung

Franz Hummels „Zarathustra“-Oper in Regensburg uraufgeführt
Von Wolf-Dieter Peter

Denker und Künstler wirken ja oft wie Solitäre oder Fixsterne: singulär herausragend, irgendwie entrückt. Doch es gibt auch das Modell der „Künstlerkolonie“ oder der miteinander klüngelnden Elite. Friedrich Nietzsche gehörte eher zu dieser zweiten Kategorie. Er hat mit vielen Größen seiner Zeit mehr oder weniger lang dauernde Kontakte gehabt. Über dieses dramatische Leben hat der 71jährige bei Regensburg lebende Komponist Franz Hummel nun – nach dem Musical über Ludwig II. und einer Dürrenmatt-Vertonung – eine Oper namens „Zarathustra“ geschrieben.


Der hochbegabte Nietzsche verfügte nicht nur über kritische Intellektualität – er traf in Paul Duessen, Erwin Rohde und Paul Rée auf drei damals bedeutende Denker. Er gehörte einige Jahre in Tribschen und Bayreuth zum engsten Kreis um Richard und Cosima Wagner. Er formte für ein paar Jahre mit Paul Rée und der intellektuell brillanten Lou Andreas Salomé so etwas wie einen „kritischen think tank“, eine geistige und lebensalltägliche Kommune. Und dann: Dirnen-Kontakt, unheilbare Syphilis und am Ende 11 Jahre in geistiger Umnachtung. Der 71jährige Komponist Franz Hummel hat prompt seiner Leidenschaft für derartige Figuren nachgegeben. In 14 Bildstationen, die Außen- und Innenleben miteinander verfließen lassen, fasst er die Dramatik, den geistig kämpferischen, aber auch utopisch verquasten Anspruch, die Zerrissenheit und das Scheitern Nietzsches in Klänge und Gesang. Dabei bekennt er sich zu einer neo-spätromantischen Tonwelt, die nicht auf Konstruktion, Abstraktion oder andere zeitgenössische Klangverstiegenheiten zielt, sondern auf sofort erhörbare, handlungsstützende Dramatik, auf Emotionalität, auf dramatisch angebrachtes Melos – und immer wieder arbeitet er mit dem verfremdeten, aber gezielt, fast augenzwinkernd erkennbaren Zitat: der junge Nietzsche hält den „Tristan“-Klavierauszug in Händen – und das Orchester lässt uns hören, was für Noten er liest und fühlt; die Einkaufswünsche der Wagners begleitet „Meistersinger“-Komik; bei Brüchen erklingt ein nach-mahlerscher Schmerzenston; ein Geplänkel mit Cosima Wagner, mit dem Freund Rée und mit Lou Salomé erinnert an Kurt Weills Ranschmeißer-Tonfall.

Entsprechend seiner reichen Theatererfahrung will Hummel aber auch so etwas wie „Total-Theater“: gesprochene Passagen, Chöre aus dem Off, getanzte Zwischenspiele, imaginierte Erscheinungen, mal antike Griechen, mal falsch verstandene Wagner-Germanen – wie in Ken Russells Filmen über Tschaikowsky und Gustav Mahler. Für all das boten Regisseur-Intendant Ernö Weil und das Regensburger Theater nahezu alles auf. Die schwarz-weißen Kuben von Elternhaus und anderen Lebensräumen brachen in verschieb-, dreh-, schwenk- und kippbare Raumsegmente auf – parallel zu Nietzsches Geisteszustand. Um die stilgenau gründerzeitlich kostümierten Hauptfiguren tanzten gesichtslose Lemuren wie schattenhafte Aliens als Traumtänzer oder Angstvisionen (Ausstattung: Karin Fritz, Choreografie: Olaf Schmidt). Und da auch Dirigent Tetsuro Ban sowie ein fehlerloses Ensemble um den kämpferisch scheiternden Nietzsche von Kai Günther und die fabelhaft selbstsichere Salomé von Gesche Geier hoch engagiert agierten und sangen, war die Anerkennung ungetrübt einhellig.

Doch das Prädikat „ein künstlerischer Wurf“ ist nicht angebracht: Zwar wäre der irreführende Lock-Titel „Zarathustra“ ja leicht in „Nietzsche“ zu ändern. Nicht zu ändern aber sind die Mankos von Sandra Hummels Libretto: zu wenig vertiefte Figuren – und wenn die Autorin Tiefe versucht, klingt ihre Sprache nach bemüht dunkler Poesie, bemühter Metaphorik – oder gemäß ihrem eigenen Text nach bemüht „geistreicher Schwiemelei“. So muss der zeitgenössische Opernfreund Franz Hummel einen Librettisten mit der poetischen Sensibilität und musikalischen Intellektualität etwa eines Richard Powers wünschen, wie sich beides in dessen tief berührendem „Klang der Zeit“ zeigt.


Franz Hummel: Zarathustra
Theater Regensburg, Theater am Bismarckplatz. Premiere: 24.4.2010
Informationen und Termine: www.theater-regensburg.de