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Falstaff als Phantom

David Hermann inszeniert Nicolais „Lustige Weiber“ in Gelsenkirchen
Von Marieluise Jeitschko

Otto Nicolais „Lustige Weiber von Windsor“ behaupten sich seit fast 120 Jahren tapfer neben Verdis mächtigem „Falstaff“. Regisseur David Hermann, der bei der RuhrTriennale mit seiner Inszenierung des Rituals „Sing für mich, Tod“ beeindruckte, lässt Shakespeares alt-englische Kleinstädter zu heutigen deutschen Spießbürgern mutieren: da wienert Herr Fluth seinen Benz und entsorgt den Müll artgerecht, während Gattin Alice schon vormittags an der Küchentheke am Sektglas nippt, per Handy mit der Freundin ratscht und vom Rendezvous mit dem mysteriösen Beau träumt ….. im Billigmöbellager. Der wird – augenscheinlich – vom Personal im schmalen Metallpapierkorb durch den Müllschacht in den Kaufhauskeller spediert, wo er hinter hohen Altglas- und Plastikflaschencontainern laut lamentiert („Als Büblein klein an der Mutter Brust….“). Spätestens hier möchte der Zuschauer den armen Ritter endlich zu Gesicht bekommen.

Aber ach: nur ein Phantom ist’s ja, ein engerling-artiger Nackedei mit Seifenblasenbizeps und -genitalien schließlich im nächtlichen Walde (rank und schlank unter der hautfarbenen Polsterung: Michael Tews) – ein Hirngespinst zweier mit einander gelangweilter, midlife-kriselnder Ehepaare. Die durchaus entbehrlichen Dialoge ersetzt der Regisseur durch einen ebenso entbehrlichen Psychiater, der vorn an der Rampe nahezu alle Protagonisten der Reihe nach auf seiner giftgrünen Couch Pfeife schmauchend therapiert. Keineswegs entbehrlich freilich ist Shakespeares vielleicht schönste Bühnenfigur. Tröstlich, dass gleich nebenan, in Dortmunds Opernhaus, Falstaff als veritabler Verdi-Sänger auf der Bühne steht: Jacek Strauch verleiht mit prachtvollem Baßbariton dem armen Ritter die Aura des nachdenklichen Gescheiterten – und Regisseurin Beverly Blankenship bleibt in ihrer Personenregie wunderbar nah bei Shakespeare. In Gelsenkirchen erspielt sich immerhin die Neue Philharmonie Westfalen unter dem jungen 1. Kapellmeister des MiR Johannes Klumpp einen Pluspunkt: Nicolais fein ziselierte Ouvertüre musiziert das Orchester mit spritzig leichter Delikatesse.

Otto Nicolai: Die lustigen Weiber von Windsor
Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, Großes Haus. Premiere: 17.4.2010
Informationen und Termine: www.musiktheater-im-revier.de