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Endlosschleife Rausch

Hans Henning Paars „Sommernachtstraum“ (nach Shakespeare) verkommt zur Hippie-Klamotte
Von Vesna Mlakar

Wer kennt ihn nicht – den Beziehungsstress?! Mal läuft es rund, mal kriselt es. So auch bei Titania und Oberon. In Hans Henning Paars „Sommernachtstraum“ für das Tanztheater München geleitet ein amüsiert-überdrehter Puck (David Valencia) das aufgekratzte Glamourpaar pfiffig über einen flexiblen roten Tanzbodenläufer zur Party von Hippolyta und Theseus. Streit liegt in der Luft – und ihren Bewegungen. Mit der Einstellung „Lust gegen Frust“ sind sie nicht allein. Diese Nacht wird heiß! Das signalisiert auch Hanna Zimmermanns mondän in violett getünchte Dancing-Bar: Hier fließt der Alkohol am feschen Tresen des zur schummrigen Lounge umfunktionierten Orchestergrabens. Für Gastgeber wie Gäste ist schrilles Styling im Stil der Sixties und Seventies angesagt. Kostümdesignerin Isabel Kork hat sich dabei wahrlich ausgetobt und zeitbezogen die eine oder andere Figurenpersiflage in ihr Konzept mit eingewoben.

Alle Zeichen stehen auf Vergnügen. Und damit die Post so richtig abgeht, streut Puck im Verlauf des gut 75-minütigen Stücks reichlich drogenhaltigen „Traumstoff“ aus seinem breitkrempigen Mohnhut in die bunte Runde. Zwei hell bezogene Sofas, die je nach Spielbedarf übers Plateau rollen, bieten zwischen Liebesgerangel und discosolitärer Tanzwut Platz zum Durchschnaufen. Mittendrin mischt das bei Shakespeare entlehnte Hass- und Liebesquartett Hermia/Lysander (Hsin-I Huang/Marc Cloot mit einem bodenlastigen Schmuse-Duett) und Helena/Demetrius (Rita Barão Soares/Pedro Dias als (auto-)aggressivem Gegenpol) die Fete auf: eine Idee, die kurzzeitig zündet, dann aber mangels weiterer Handlungsaspekte schnell in Belanglosigkeit versandet. Dazu krankt Paars allzu einheitliches Vokabular an fehlender Abwechslung und zu wenig charakterisierendem Raffinement.

Aus dem Off wummern – auf die Dauer recht ermüdend, zumal Sound und performative Aktion sich selten wirklich durchdringen – The Doors (Alabama Song), Benny Goodmans Sing Sing Sing und Duke Ellington Summertime, gefolgt von Keith Jarret und Miles Davies, dem Julia Hülsman Trio und Max Richter. Nicht die Musik, sondern der kollektive Wunsch nach zügelloser Enthemmung – zu welchem Zweck auch immer – gibt den Ton an. Aber der auf banale Zustandsbeschreibungen reduzierte Trip in Sachen Liebe geht nach hinten los: Als sich John Sandurski stellvertretend für Zettel alias den Esel (laut Programmheft: der Schüchterne) im Sinnesrausch mannstoll die Kleider vom stark beharrten (Trikot-)Leib reißt und so – unter drucksenden Lachern im Publikum – Titania erfolgreich anmacht, erreicht der Abend seinen Höhepunkt an Exzentrik. Was den Rest angeht, so haben sich Paar als Choreograf und Dramaturgin Esther von der Fuhr in Visionen tanzender Bäumchen, staksender Flamingos und intimst in Zeitlupe kosender Schnecken verrannt. Zärtliche Bindungen lassen sie in die Brüche gehen, dafür finden Titania und Oberon, bevor der Kater der Ernüchterung einsetzt, wieder zueinander … Nach der Party ist vor der Party – dazwischen pure Oberflächlichkeit!


Hans Henning Paar: Ein Sommernachtstraum
Staatstheater am Gärtnerplatz, München. Premiere: 16.04.2010
Informationen und Termine: www.staatstheater-am-gaertnerplatz.de