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Phantomschmerz Sehnsucht

Sascha Hawemann bringt „Die Nacht, die Lichter“ von Clemens Meyer auf die Bühne
Von Joachim Lange

Regisseur Sascha Hawemann und Dramaturg Johannes Kirsten haben aus fünf der 18 Geschichten von Clemens Meyers Erzählungsbandes „Die Nacht, die Lichter“ eine Bühnenvorlage Vorlage gemacht, die zwischen beschreibenden Prosa und lediglich freigelegter, schon vorhandenen Monologe oder Dialoge der Figuren changiert. Anna Blomeier, Martin Brauer, Edgar Eckert, Manuel Harder, Andreas Keller und Hagen Oechel legen sich dabei mächtig ins Zeug und ziehen bei ihrem Reigen der Paare alle Register. Wolf Gutjahr hat dafür drei große Kästen auf die Bühne gestellt, hinter deren Vorhängen triste, karg möblierte Zimmer angedeutet sind. Tisch und Stuhl. Kühlschrank für den Biervorrat. Am Ende werden diese Kisten zur Seite geschoben und der große Brummel-Bär, der schon zum Auftakt über die Bühne geschlurft war, kommt mit dem Gabelstapler und entschwindet mit den anderen fünf Schauspielern ins Bühnennirvana.

In den zwei Stunden davor ist es vor allem Nacht. Auf der Bühne unter der Neonschrift mit dem Stücktitel und in den Geschichten. Die Lichter sind eher Irrlichter in der Tristesse. Denn es ist der Blick nach unten oder zum Rand einer Gesellschaft. Von dort aus ist die Mitte nur noch Erinnerung. Hier wird selbst die Sehnsucht zum Phantomschmerz. Das wirkt zwar authentisch, bleibt aber doch eine Beschreibung von Symptomen. Wie die Protagonisten nach ganz unten gekommen sind wird vorausgesetzt. Sie tauchen ein in den demoralisierenden Frust und wühlen darin. Sie suchen Halt in einen anderen Menschen (oder einem Tier, wie der Hundebesitzer, dem die Frau gestorben ist). Doch sie können nicht (mehr) miteinander reden. Das ist in der tristen Konsequenz beklemmend. Wenn sich etwa der Mann und die Frau, die sich eher zufällig wiedertreffen, eigentlich zueinander wollen, keine Worte dafür finden, sondern nur still, gemeinsam eine Zigarette rauchen, um dann doch nur auseinander zu gehen, dann wird diese Szene zu einem der seltenen Ruhepunkte der Einsamkeit in mitten der ansonsten sehr lautstark exzessiv zelebrierten Leere und Sprachlosigkeit. Wenn der Mann mit dem REWE Beutel zum Jobcenter soll und sich ans andere Ende der Welt sehnt, weil er fingierte Postkarten eines Freundes aus Kuba bekommt, der es angeblich „geschafft“ hat. Oder, wenn der Hartz IV-Mann das ganzes Geld beim Pferderennen setzt, um für seinen Hund die teure Operation zu bezahlen und ihm das dann wieder geraubt wird. Oder, wenn der schwarze Boxer, der eigentlich nur zum Verlieren engagiert ist, dann einmal gewinnt und ihm dafür die Hölle heiß gemacht wird. Die letzte, etwas aus dem Ruder des rechten Maßes laufende Geschichte, handelt davon, wie ein Mann im Knast einen Schwulen verteidigt, die beiden sich dann auf merkwürdige Weise anfreunden und „draußen“, in Freiheit, eine kriminelle Karriere beginnen. Es gibt halt immer noch schwächere, wenn man zur Gewalt bereit ist. In der Nacht, in die Clemens Meyer und Sascha Hawemann eintauchen und in die ihnen das Ensemble rückhaltlos folgt, leuchten die Lichter nicht, haben nichts von Wärme und Hoffnung. Sie machen die Dunkelheit nur noch dunkler.

Clemens Meyer: Die Nacht, die Lichter
Schauspiel Leipzig. Uraufführung: 25.3.2010
Informationen und Termine: www.schauspiel-leipzig.de