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Vertraute Sehnsüchte

„Godard Driving“ im Heidelberger Theaterkino
Von Volker Oesterreich

Das Theater der Dekonstruktion stand Mitte der 1990er Jahre in voller Blüte. Multimediale Mittel und Trash-Elemente, ergänzt um knallbuntes Szene-Konfetti dienten der Selbstbespiegelung einer Gesellschaft, die auf der Datenautobahn des WWW immer rasanter auf Konfrontationskurs mit dem geballten Wust von Informationen ging. Reizüberflutung auf allen Kanälen. Wer nach diesen Methoden Texte filetierte, collagierte, denunzierte oder parodierte und sie auf dem ziemlich verkopften Fundament der postmodernen Erkenntnistheorie auf die Bühne brachte, sah sich nach der Jahrtausendwende dem Vorwurf ausgesetzt, einer allmählich ins Leere laufenden Mode hinterherzuhecheln. Bald schon entstand die Sehnsucht nach einem vertrauten, traditionellen Theater der packenden Plots, der psychologisch interessanten Charakteren oder der dokumentarischen Projekte von Experten des Alltags – wenn man so will eine ästhetische Konterrevolution.

„Godard Driving“ wagt nun im Heidelberger Theaterkino die Rolle rückwärts. Das Projekt der Gruppe „Tisch50“ (bestehend aus dem Regisseur Daniel Pfluger, dem Bühnenbildner und Video-Spezialisten Flurin Borg Madsen und dem Produzenten Michael Simon) lässt das Theater der Dekonstruktion wieder aufleben. Passend zum Filmschwerpunkt der Heidelberger Schauspielsparte bereitet man mit diesem Abend in der Interimsspielstätte des Theaterkinos dem französischen Filmregisseur eine Hommage, war Godard doch (wie vor ihm schon die Dadaisten) ein Vorreiter der Dekonstruktion, der in seinen Filmen gerne collagierte und zitierte, der die harten Schnitte liebte und sein Publikum durch plötzliche Handlungsbrüche irritierte. Sein als „Nouvelle Vague“ bezeichneter Stil bereitete den Autorenfilmern den Weg, findet jedoch heute in kaum einem Programmkino eine Nische. Seine Meisterwerke „Außer Atem“, „Le petit Soldat“ oder „Masculin Feminin“ verstauben in den Archiven, nur noch der Generation 50 + sind sie schemenhaft in Erinnerung.

„Godard Driving“ greift zwar Versatzstücke aus diesen und allerlei anderen Godard-Filmen auf, aber es geht hier nicht darum, die Filme auf der Bühne wieder lebendig werden zu lassen, sondern lediglich darum, Godards Stilmittel aufzugreifen. Deshalb haben die immer wieder aufflackernden Liebeskonflikte, die projizierten Roadmovie-Szenen, der Bühnenmord oder der Trenchcoat-Ermittler keine tiefere Bedeutung. Es sind aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, die neu collagiert werden, um die Stilmittel des Zitierens und Collagierens zu verdeutlichen. Und weil wir uns im Hier und Heute bewegen, gibt es zusätzlich noch ein paar Zeitgeist-Spitzen gegen Christoph Schlingensief, gegen Helene Hegemanns plagiierten Roman „Axolotl Roadkill“ oder gegen eine in die Jahre gekommene Schauspielerin, die über den Verfall des Theaters lamentiert; angeblich handelt es sich dabei um die erste Frau Peter Steins. Halbgare Insiderwitze, mehr nicht.

Fünf Schauspielerinnen und Schauspieler sowie ein Musiker haben die schwierige Aufgabe, in dieser Koproduktion des Heidelberger Theaters mit der Zürcher Hochschule der Künste (an der Michael Simon lehrt) die Dekonstruktion um der Dekonstruktion Willen zu feiern. Sie agieren zwischen einer Plexiglaswand und einer Leinwand auf Rollen, sitzen auf einer Vierergruppe von Kinosesseln, werden per Videokamera zweidimensional reduziert und versuchen, das Publikum mit ein paar nachdenklichen Sentenzen und Pointen bei Laune zu halten. Das Ergebnis ist weder l’art pour l’art, noch ist es Godard pour Godard. Es ist eine Kunstanstrengung, die vertraute Sehnsüchte weckt. Siehe oben.


Tisch50: Godard Driving
Theater Heidelberg, Theaterkino. Uraufführung: 26.3.2010
Informationen und Termine: theater.heidelberg.eu