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Sie tanzen, singen und „spielen das Spiel“

„Les enfants terribles“ in Gelsenkirchen
Von Marieluise Jeitschko

Philip Glass kann mit Fug und Recht der Rameau des 20. Jahrhunderts genannt werden. Bei heutigen Choreografen ist seine minimalistische Musik, deren kurze Sequenzen barocken Tänzen ähneln, so populär wie die kaum eines anderen zeitgenössischen Komponisten. Nicht umsonst finden sich in seinem Werkkatalog bemerkenswert viele explizit tänzerische Kompositionen – etwa die Tanzsuiten „12 Pieces for Ballet“, „Dance No 1-5“, die vom Karneval in Rio inspirierten „Days and Nights in Rocinha“, Ballette wie die „Witches of Venice“, „In the Upper Room“ und „Phaedra“ – und die Tanzoper „Les enfants terribles“, letzter Teil seiner Cocteau-Trilogie mit „La Belle et la Bête“ und „Orphée“. 1996 in der Schweiz uraufgeführt, hat sie sich längst international als Repertoirestück bewährt. Gelsenkirchens Musiktheater im Revier hat sie jetzt in einer vorzüglichen Inszenierung und Choreografie von Bernd Schindowski auf dem Plan.

Die pochenden, hämmernden, drängenden Akkorde und Läufe der Partitur für drei Keyboards fangen das nervöse Flair der Episoden zwischen Realität und Fantasie aus dem Leben des inzestuösen Geschwisterpaares Elisabeth und Paul minutiös ein. Die Dialoge und Aktionen der vier Teenager – neben den Geschwistern die Freunde Gérard und Agathe – werden von vier Gesangssolisten gesungen und gleichzeitig von vier Tänzern getanzt. Ein Erzähler rezitiert verbindende Ausschnitte aus Cocteaus Originaltext.

Glänzend gelingt Schindowski die Verteilung der unterschiedlichen Künstler im Theaterraum: die Keyboarder sitzen, samt Dirigent Bernhard Stengel, direkt vor den Zuschauern im Parkett. Das Gesangsquartett singt von der ersten Rangloge. Den Erzähler (Schauspieler Thomas Weber-Schallauer) lässt Schindowski auf der zwei-geteilten Bühne von Johannes Leiacker mitten unter den Tänzern wandern und wandeln, ohne dass die Jugendlichen ihn je bemerken – ein schlüssiges Signal, um die völlige Abgeschiedenheit von der Realität zu zeigen, wenn Elisabeth und Paul „das Spiel spielen“. In eine Fantasiewelt tauchen sie dann ein, lassen dabei auch ihrer erotischen Liebe für einander freien Lauf. Wie sehr die 19-jährige Elisabeth (enorm ausdrucksvoll und schillernd: Alina Köppen) dem 17-jährigen Bruder (angemessen apathisch: Evgeny Gorbachev) ihre Überlegenheit zeigt, ihn tyrannisiert und androht, ihn zu verlassen, so sehr setzt sie in panischer Angst alles daran, seine aufkeimende Liebe zu Agathe zu zerstören, indem sie Agathe (sehr frisch: Priscilla Fiuza) mit Gérard (blass: Mi-Hung Hsieh) verkuppelt. Dieses Leben ist eine Sackgasse: die Tragödie endet mit dem Selbstmord der Geschwister.

Mit dem wunderschönen Bild einer harmlos erscheinenden Schneeballschlacht, bei der Paul allerdings von einer Eiskugel getroffen und schwer verletzt wird, beginnt die Tanzoper. Wie kalt die Welt ist, zeigt ein stetig wachsender Eiszapfen. In der letzten „Draußen“-Szene, als drinnen die Geschwister tot liegen, reicht er bis zum Boden. Ein eindrucksvoller Schluss dieser hochkarätigen Inszenierung der Tanzoper.

Bernd Schindowski: Les enfants terribles, Tanzoper von Philip Glass
Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen. Premiere: 21.3.2010
Informationen und Termine: www.musiktheater-im-revier.de