+++ k u r z k r i t i k +++

Barocke Lebensart

Robert Norths „Casanova“-Ballett in Mönchengladbach
Von Marieluise Jeitschko

Das Ambiente wirkt denkbar ungeeignet für einen klassischen Ballettabend mit Orchesterbegleitung: die Bühne scheint viel zu schmal und nicht eben tief. Ein Orchestergraben fehlt. Die Akustik wäre für Verdi & Co tödlich. Die Technik ist dürftig, die Zuschauertribüne so provisorisch wie der ganze Bau gegenüber dem Mönchengladbacher Fußballstadion. Gerade erst ist die Krefelder Theatersanierung abgeschlossen, da müssen die niederrheinischen Partner mit einem Ausweichquartier am Nordpark vorlieb nehmen, voraussichtlich für drei Jahre. Positiv gesehen: die Künstler des Doppeltheaters sind widrige Arbeitsbedingungen gewöhnt und überraschen mit einem veritablen Juwel getanzter und musizierter barocker Lebensart, maßgeschneidert für diesen Raum. Choreograf Robert North, GMD Graham Jackson und Ausstatterin Luisa Spinatelli setzen für „Casanova“ ein Mosaik des Reise- und Liebeslebens des venezianischen Frauenhelden aus 33 musikalischen Edelsteinen europäischer Musik von Vivaldi bis Purcell, Rameau, Telemann und Hummel zu heiteren Szenen auf einer Wanderbühne zusammen. Das Leben als rauschendes Fest, als großes Theater – mit viel raffiniert einstudierter Pantomime, wo die Tanztechnik nicht langt.

Karneval in Venedig: Masken in schwarzen, wallenden Capes umschwirren den quirligen, heiteren blutjungen Casanova (leider hölzern, unerotisch: Gian Luca Multari) und seine Freunde. Zwei Schönheiten (Giada Rigoli und Alicia Fossati) bieten sich dem Neugierigen an – Cupido (Paolo Franco) hilft nach. Eine Commedia dell’Arte-Truppe sorgt für Kurzweil in einer besonders pfiffig-fröhlichen Szene. Ein markiger orientalischer Fürst (Alessandro Borghesani) führt den Reisenden in geheime Welten ein: nicht Haremsdamen, sondern Feen wie Botticellis Grazien mit fließenden cremefarbenen Gewändern rauben ihm zu Glucks „Reigen seliger Geister“ den Atem. Höfische Feste erlebt er in Paris. Eine Diva (Karine Andrei-Sutter) mit der Aura einer antiken Tragödin in großer barocker Robe schmachtet ihn an. Molières „gelehrte Frauen“ tuscheln und diskutieren, mit den Löffeln der Schokoladentassen wichtigtuerisch gestikulierend. Die dazu gehörenden Herren buhlen um Aufmerksamkeit mit allerlei gewagten Sprüngen, durchaus sehr ähnlich den sportiven Figuren aus Norths Meisterwerk „Troy Game“.

Daheim entkommt er aus den Bleikammern der Inquisition, die seinen Lebenswandel misstrauisch beschattete. Arme Leute kreuzen den lebenslustigen Weg des Italieners in London. Im Freudenhaus lenkt er sich ab – eine köstlich derbe Szene ist das! Während der alternde Beau über seinen Memoiren einschläft, umringt ihn im Traum ein Dutzend Pulcinellas. „Träumerei und Lachen“ heißt dieses Finale zum rasanten Rondo aus Hummels Trompetenkonzert. Was für ein zauberhaftes „Ballett-Konzert“ mit vielen solistischen Höhepunkten der vorzüglichen Niederrheinischen Sinfoniker.

Robert North: Casanova
Theater Krefeld Mönchengladbach. Uraufführung in Mönchengladbach: 18.3.2010
Informationen und Termine: www.theater-krefeld.de