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Träume sind Schäume

Gregor Zölligs Tanzstück „Am Ende eines Tages“ in Bielefeld
Von Andreas Berger

Träume sind Schäume. Und Tänzerträume sind zudem kurz. Was bleibt „Am Ende eines Tages“, wie Gregor Zöllig sein jüngstes Tanzstück im Theater Bielefeld betitelt. Was bleibt außer Kreuzschmerzen und wunden Füßen? Die Tänzer haben sich selbst befragt, und sie befragen ihr Publikum. „Erinnern Sie sich an mich? Ich hatte vorhin das Solo, gar nicht mal so klein wie sonst!“, wiederholt Brigitte Uray immer verzagter. Das Solo, oha, welches? Da war eine Szene am Kühlschrank – am Ende eines Tänzertages fordert der Körper plötzlich sein Eigenrecht, will nicht mehr nur funktionieren nach fremden Anweisungen. Ein erotischer Pas de deux entsteht, aber das war Cordelia Lange mit Adrian Look. Und die mit dem Regenschirm tanzt? Nein, Elvira Zuniga. Die arme Ballerina im Tutu war sie auch nicht, das war Miranda Hania, heruntergeputzt von Dirk Kazmierczak als Choreograf. Oft bleibt nur Demütigung vom Tänzeralltag.

Kazmierczak ist ein Spieltalent, ein Entertainer. „Habe ich alles schon gemacht“, lautet sein Refrain im Staccato der Trainingsmethoden, Auftrittsorte, Tanzstile. „Alles schon dagewesen.“ So klingts vielleicht am Ende einer Laufbahn. Aber oft kommt da noch sehr viel Leben. Das Neuorientieren, das Altern. Zöllig hat Interviews mit alten Tänzern geführt und blendet sie phasenweise ein. Mola Hillebron Michaelis etwa wohnt im Altersheim, kann nur noch mit Rollator gehen, nicht mehr allein stehen. Eine Tänzerin, die früher 32 Fouettés hinlegte!

So entsteht eine der berührendsten Szenen, als die Tänzer sich einfach ausziehen, nun allein sind mit ihrem Körper, ihrem Arbeitsmaterial, vom Publikum bewundert in seiner athletischen Schönheit, von den Tänzern kritisch untersucht auf Dehnbarkeit und Schmerzen. Wilson Mosquera Suarez tanzt gleich mit dem Expander. Einmal werden den Tänzern Röntgenbilder überblendet. Nach einer Streichelszene mit Partnerin klatscht sich Gianni Cuccaro den Körper ab: Selbstvergewisserung des schon so oft zur Schau gestellten Intimbereichs. Kazmierczak darf immerhin mit der Kollegin schmusen – ach ja, das war Brigitte Uray. Er legt ihre Hände so, wie er es braucht, greift selbst kräftig zu, wohin Zuschauer nicht denken dürfen. Doch die Szene wiederholt sich: „Kommst du mal, Brigitte?“ Schon beim nächsten Mal ist es eine Kollegin, zuletzt geht es auch ohne Partnerin. Das sagt zugleich etwas über die Selbstbezogenheit in Beziehungen wie über die ständigen Partnerwechsel auf der Bühne.

Aber Zöllig lässt auch Raum für freudvolles Federn auf der Matratze, für selbstironische orientalisierende Schlangenbewegungen in der (Disco)gruppe. Ein bisschen muss er aufpassen, dass seine Bewegungsfindungen nicht ins Hintertreffen geraten angesichts seiner auch so spielstarken Tänzer und ihrer Dialog-Ideen. Eines der schönsten Bilder ist eine Installation: In Decken gehüllt und mit Kronen sitzen die Tänzer auf einer Parkbank unter Schneerieseln. Theaterkönige, Gestrandete des Lebens, am Ende eines Tages lauter kleine Lears auf der Eisheide. Und dann stürzen sie sich wirklich in das die Bühne flutende Schaumbad und gehen unter – in ihren Träumen.


Gregor Zöllig: Am Ende eines Tages
Theater Bielefeld, Theaterlabor im Tor 6. Uraufführung: 12.2.2010
Informationen und Termine: www.theater-bielefeld.de