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Boheme-Banalität der Gegenwart

Ulf Goerke und Joerg Bitterich mit „Cosmic Baseball“ am Gostner Hoftheater
Von Dieter Stoll

Der Poet ist sich seiner Kunst gar nicht sicher. Er sitzt daheim im Hotel Mamma, hat die Wände mit vollgeschriebenen Manuskriptblättern tapeziert und wendet sich – mangels Verleger-Nachfrage – dem Drink als Trost für alle Depressions-Fälle zu. Dabei hat er doch so viel zu sagen über die Freiheit der Landstraße und die unbegrenzten Möglichkeiten, die man sich romantisch zusammenlügen oder auch als Gerüst für die besondere Lebensphilosophie zurechztimmern kann. Als Jack Duloose mit seinem Roman „On the Road“ dann doch noch den Durchbruch schafft, ja sogar senkrecht zum Kult-Autor emporschnellt, ändert sich nur die Perspektive. Ein Problemfall bleibt er, der nun hilflos im Literaturbetrieb zappelt, allemal.

Ulf Goerke (Regie) und Joerg Bitterich (Autor) hatten am stets für riskante Unternehmungen offenen Gostner Hoftheater in Nürnberg vor zwei Jahren mit „Neue Vahr Süd“ nach Sven Regeners Roman den bislang größten Erfolg des Hauses geschaffen und legten nun im gleichen Team nach. Mit „Cosmic Baseball“, einem „Beat-Generation-Projekt“, kitzeln sie am Seelenzustand einer emeritierten Zeitgeist-Variante, die sich prompt aus dem Staub der Nostalgie erhebt. Drei Schauspieler (Andreas Hilscher, Golo Euler, Thomas Witte) tänzeln mit passender Hintergrund-Disco durch die aussichtslose Sehnsucht des Lebens-Künstlers, „ES“ dingfest zu machen.

Das Stück tändelt gekonnt mit Fakten und Fantasien, assoziiert die Boheme-Banalität der Gegenwart (wenn im Film die Darsteller beim Gostenhofer Shopping von Tiefkühl-Pizza gezeigt werden) und bekommt einen unerwarteten Schub Aktualität. Weil am Premierentag grade die Zeitungen voll waren mit Mutmaßungen über geklaute Literatur der 17-jährigen Helene Hegemann, bekam die Klage über gestohlenes Leben aus dem Mund des dichterisch ausgebeuteten Highway-Kumpels plötzlich Schärfe. Ansonsten bleibt die Aufführung erfreulich entspannt. Zwar fehlt ihr einfach der harte Kern der „Herr Lehmann“-Story, aber sie rafft genug Zeitlosigkeit, wenn der Star-Poet beim intellektuellen Leerlauf ins Getriebe von Kritikern und weiblichen Fans gerät. Sie wollen ihn skandalisieren oder ein Kind von ihm. Um Entblößung geht es in jedem Fall, sagt uns die amüsant erschreckende Fallstudie über Kalorienschock im Lebenshunger.

Ulf Goerke: Cosmic Baseball. Beat-Generation-Projekt
Eigenproduktion. Gostner Hoftheater. Premiere: 10.2.2010
Informationen und Termine: www.gostner.de