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Fellini lässt grüßen

Lorenzo Fioroni deutet Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ am Staatstheater Kassel
Von Andreas Berger

Der Italoschweizer Lorenzo Fioroni sieht Wagners komische Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ am Staatstheater Kassel mal ganz undeutsch. Statt Patriziertum und Vereinsmeierei thematisiert er das Aufeinanderprallen von harter Realität und Poesie. Seine Bildfindungen in Paul Zollers Ausstattung sind dabei so überraschend wie schlüssig.

Der Beginnt ist wenig subtil, wenn zur Ouvertüre im Computerspiel der Palast der Poesie zerstört wird. In den Trümmern trifft sich eine heruntergekommene Varieté-Truppe, die kesse Eva verliebt sich in den Architekten des Wiederaufbaus (Stolzing), der aber beim Vorsingen vom Madolinenorchester ausgebootet wird. Das deckt sich nur knirschend mit der von Wagner karikierten Meistersinger-Ehrpuzzeligkeit. Doch der zweite Akt ist stark: Unsere Zirkuskünstler leben in einer Art italienischem Plattenbau, wo man durch die Jalousien viel mitbekommt vom prallen Leben. Wenn Beckmesser hier im Clownskostüm auf der Straßenlaterne sein Evchen ansingt, biegt Kraftmensch Sachs einfach den Laternenpfahl um. Die Prügelei wird durch einige Jugendliche brutalisiert, doch die Sicherheitspolizei spürt sie in allen Wohnungen auf. Allerdings wird auch Sachs, weil er illegal Evchens Geliebten Stolzing verstecken will, verhaftet. Berührend, wie sich Magdalene und ein Kind um den zusammengeschlagenen Clown Beckmesser bemühen, sang er doch bloß für die Liebe! Im dritten Akt wachen Stolzing und Sachs folglich nicht in der Schusterstube, sondern in der Gefängniszelle auf und bekommen einen Besuch nach dem anderen. Selten hat ein Regisseur die Neigungen zwischen Sachs, Stolzing und Eva so sensibel und vielschichtig ausgedeutet wie Fioroni.

Die Festwiese wird ein fröhliches Artistentreffen mit Meistersinger-Clowns-Parade, Konfetti und Seifenblasen. Sachs hat sich am Bühnenrand wie Bajazzo geschminkt und begeht in wissendem Ernst seinen letzten Auftritt. Stolzing und Eva fliehen die Narrenschar, der Vorhang fällt vorzeitig, und mahnend singt Sachs seinen Appell an deutsche Meisterkunst ins Publikum. Dann kehrt er noch das Licht zusammen, ein trauriger Clown. Wagners C-Dur klingt in die Dunkelheit, mit den Clowns gehen Kunst, Poesie und Menschlichkeit. Anrührender kann man die Mahnung kaum inszenieren.

Patrik Ringborg am Pult hat es vor allem anfangs nicht leicht, Wagners strahlenden Optimismus mit den Bildern übereinzustimmen, doch er horcht den Gedankenmonologen fein nach. Als Sachs bringt Wolfgang Brendel, klug disponierend, seinen ausdruckstarken Bariton und darstellerischen Ernst ein. Mario Klein singt mit reichem Material den Pogner, Espen Fegran charaktervoll den Beckmesser und Sara Eterno mit fülligem Sopran die Eva. Johannes An gefällt mit geschmeidigem Ton und auch mit Bariton als David, Erin Caves lässt seinen Tenor als Stolzing mühelos prangen. Viel Applaus und Bravos für ein auch spielerisch überzeugendes Ensemble, nur wenige Buhs für die ungewöhnliche Regie.

Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg
Staatstheater Kassel. Premiere: 13.2.2010
Informationen und Termine: www.staatstheater-kassel.de