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Zwischen Menschen und Kontinenten Uraufführung von Ulrike Syhas „Fracht (Nautisches Denken I IV)“ als Auftragswerk des Chemnitzer Schauspielhauses Vor Somalia wird die Panama Star von Piraten entführt. Am Flughafen warten vier Menschen auf ihren Flug. Ihre Leben haben außer der Entführung des Öltankers nicht viel gemein. Als Dolmetscher, Versicherungs-, Finanz- und PR-Berater stehen sie lose in Verbindung zum Ereignis in den Nachrichten. Doch wie die Routen von Schiffen kreuzen sich ihre Lebenswege hier und da. Wie Stückgut tragen sie ihre Erlebnisse mit sich in die Welt und erzählen daraus in Dieter Boyers (Gastregie) Inszenierung von „Fracht (Nautisches Denken I IV)“. Ist der Titel auch sperrig, das Stück, welches das Chemnitzer Schauspielhaus auf seine experimentierfreudige Kleine Bühne bringt, ist es nicht. Die drei Episoden in „Fracht“ sind geprägt von temporeichen, szenischen Wechseln und ideenreichem Witz. Der Finanzexperte (Bernd-Michael Baier) wird da von seinem unbekannten Sohn aufgesucht und zum Gentest gebeten; die PR-Fachfrau (großartig: Bettina Schmidt) Opfer eines verführerischen Falls von Industriespionage und der Versicherungsfachmann (Karl-Sebastian Liebich) entpuppt sich als Flüchtling einer gescheiterten Beziehung. Und die Dolmetscherin (Julia Berke) hat keine eigene Geschichte sie gibt es eigentlich gar nicht. Vier Schauspieler übernehmen in Ulrike Syhas Auftragsstück dutzende Rollen, verspinnen sich in Haupt- und Nebensächlichkeiten. Hier wird der Risikokapitalismus mit Fußballbildchen erklärt, dort indischer Cricket mit unverständlichen Worten. Der Zuschauer verliert dennoch nicht die Übersicht, was vor allem dem differenzierten Ausdruck der Schauspieler geschuldet ist, der dabei unvermeidlich zuweilen ins typenhaft Überzogene abdriftet. Getragen wird Boyers Inszenierung von einem schlicht kubistischen Bühnenbild (Ausstattung: Ralph Zeger), das die Akteure mit Verschachtelungen und Schubladen zum Spiel mit dem Spiel einlädt und ihnen ähnlich einem Flugterminal gerade genug Platz bietet, um auf ihren zahlreichen Laufwegen aneinander vorbeizurempeln. Die Autorin Syha schrieb mit „Privatleben“ bereits ein Auftragsstück für das Chemnitzer Haus, es erhielt 2009 eine Einladung zu den Mühlheimer Theatertagen. In „Fracht“ setzt sie die dort gezeigte Methode fort, ihre Charaktere in Bruchstücke zu zerlegen und daraus eine Handlung zusammenzusetzen. Wenn ihr Protagonist nun am Anfang von Fracht bedauert, dass sich dem heutigen Magellan eine Landkarte ohne weiße Flecke entgegenstellt, wirkt dies wie ein Gleichnis auf das Schauspiel. Die großen Kontinente sind entdeckt, was bleibt, ist sich der Betrachtung der Zwischenräume zu widmen. Dies bringt vielleicht keine erinnerbaren Helden hervor, doch zeigt „Fracht“, dass es dennoch Lohnenswert sein kann. Ulrike Syha: Fracht (Nautisches Denken I - IV)
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