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Gewaltige Bilder gegen das Vergessen

Johann Kresniks Uraufführung „Felix Nussbaum“ am Theater Osnabrück
Von Isabell Steinböck

Eine Bretterwand und Duschen machen das Bühnenbild aus, dazu dröhnender Lärm, ein Knall. Das Ende muss wehtun, und auch wenn man weiß, wie die Geschichte ausgehen wird, nimmt Johann Kresnik den Holocaust schon zu Beginn vorweg.

Mit „Felix Nussbaum“ inszeniert der Meister choreografischen Theaters die Künstlerbiografie eines jüdischen Malers, der nach Flucht und Deportation schließlich in Auschwitz ermordet wird. Das Theater Osnabrück erinnert mit dem Theaterstück an einen der bedeutendsten Künstler seiner Stadt; ein eigenes Museum, das Felix-Nussbaum-Haus, bewahrt bereits die Sammlung des Malers. Nun beschäftigt sich Kresnik mit der Künstlerpersönlichkeit, nachdem er sich in der Vergangenheit bereits mit Frida Kahlo, Francis Bacon, Goya und Picasso auseinandergesetzt hat.

Die Stärke von Johann Kresniks Stücken liegt in seiner bildgewaltigen Theatersprache, die sich aus der Inszenierung von Körpern ergibt, seien es Tänzer, Schauspieler oder Sänger. Dabei hat er sich seinen Ruf als „Theaterberserker“ durch extreme, provokante Regieanweisungen erarbeitet: Nacktheit, Sex und Gewalt sind geradezu typisch für seine politischen, gesellschaftskritischen Stücke. Auch „Felix Nussbaum“ zeigt solche Momente, die hier von der ersten bis zur letzten Minute zusammenpassen.

Zum Einlass flimmert Charles Ridleys antideutscher Propagandafilm „Lambeth Walk – Nazi Style“ über eine Leinwand. Der grotesken Karikatur folgen 19 Szenen, die Felix Nussbaums Leben in zum Teil surreal anmutenden Rückblenden abbilden. Theaterautor Christoph Klimke bewegt durch eindringliche, mitunter poetische Sprache und beschränkt sich auf das Wesentliche. Prägend dabei ist Felix Nussbaums vergeblicher Kampf gegen eine Gesellschaft, die ihn als Juden stigmatisiert und quält, als Künstler verlacht oder kaum beachtet. Matthias Walter spielt den jungen Maler überzeugend als sensiblen, unprätentiösen Idealisten, der sich durch Malerei eine eigene Welt schafft, bis er nach und nach an der Realität verzweifelt. Beklemmend, wie er in seinem Schauspiel allmählich Frische und Jugend ablegt, bis er als Getriebener, dem Wahnsinn nahe, sein eigenes Ende vorweg malt.

Kresnik stellt die Kunstwerke vorwiegend choreografisch dar: Bittende, betende Tote tanzen mit eckigen Gliedern, tragen Sonnenblumen. Standbilder, wie „Soir“, ein Selbstbildnis mit seiner Frau Felka, verweisen auf die zwiespältige Beziehung der Eheleute. Ein Tänzer-Ego trägt die Geliebte, nur mit Schuhen und Halskette bekleidet, auf den Schultern, lässt sie zärtlich zu Boden gleiten. Und doch hat es etwas Gewaltsames, wenn die junge Frau, eine Handbreit von ihm abgerückt, mit dem Schuh auf seinem nackten Fuß steht. Felka Nussbaum, liebevoll-energisch dargestellt von Andrea Casabianchi, will nicht emigrieren. Sie lebt für den Moment, steigert sich in ihr Hausfrauen-Dasein hinein und bemuttert ihr „Nussbäumchen“ lieber, als es zu verpflanzen.

Dabei ist der Holocaust Allgegenwärtig; Gasduschen warten schon, SS-Männer skandieren Hassparolen, laut trommelnd auf umgekippten Schreibtischen, Kreissägen rasieren die Todgeweihten, nackte Körper liegen verrenkt, übereinander geschichtet, auf der Bühne.

Johann Kresnik wirft den Menschen auf seine Kreatürlichkeit zurück, sei es als hilfloses Opfer oder als animalisch-triebhaft Perversen, der sich an seiner Macht ergötzt. Von Felix Nussbaum bleibt vor allem grenzenlose Traurigkeit zurück, und die unbedingte Bitte: „Wenn ich auch untergehe, lasst meine Bilder nicht sterben!“ Johann Kresnik hat sie erfüllt.


Christoph Klimke: Felix Nussbaum
Theater Osnabrück. Uraufführung: 30.1.2010
Informationen und Termine: www.theater-osnabrueck.de