+++ k u r z k r i t i k +++

„Germania Tod in Berlin“

Hermann Scheins neuer Blick auf Heiner Müller in Gießen
Von Wilhelm Roth

Auf der Bühne dreht sich ein marodes Kinderkarussell, es gibt den Szenen Heiner Müllers zur deutschen Geschichte vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zur DDR ihren Rhythmus. Das kaputte Karussell kreist mühsam in sich selbst, kommt immer wieder am Ausgangspunkt an, es gibt keinen Fortschritt, nur Niederlagen. Das Team Hermann Schein (Regie) und Stefan Heyne (Bühne) hat sich an das selten gespielte Stück gewagt, das sehr umstritten war, als es 1978 in München erstmals gezeigt wurde. Manche Kritiker, besonders Georg Hensel in der FAZ, sahen in „Germania Tod in Berlin“ vor allem „die linientreue Parteiansicht vom 17. Juni dramatisiert“. Wie kann man das heute spielen?

Schon Ernst Wendt hat damals in München „Germania“ anders gesehen, als tief pessimistischen Bericht „vom ewigen deutschen Bruderkrieg“. Scheins Ansatz ist ein anderer. Er hat einige Szenen gestrichen, die aus Wendts Inszenierung besonders in Erinnerung blieben, so das Schmierentheater des Faschismus mit Hitler und Goebbels. Er konzentriert sich auf die DDR, wie sie entstand und wie sie unterging, ohne die vielen anderen Motive der Szenencollage, Nationalsozialismus und Krieg, wegzudrücken. Seine Inszenierung ist sehr ernsthaft, nur über die Clownsszene mit Friedrich dem Großen und dem Müller von Sanssouci kann man noch lachen. Dass die DDR untergehen würde, das ist schon in Müllers Text spürbar, wenn Hilse (überzeugend Christian Fries), der ewige Arbeiter, der Hoffnungsträger der DDR, in der pathetischen, aber von Ironie zerfressenen Schlussszene an Krebs stirbt. Schein verstärkt diese Sicht, indem er zwei Szenen aus Müllers nachgelassenem Stück „Germania 3. Gespenster am toten Mann“ einfügt: In der „Nächtlichen Heerschau“ sitzt Ulbricht, der Erbauer der Berliner Mauer, Ernst Thälmann gegenüber, der dieses Bauwerk „das Mausoleum des deutschen Sozialismus“ nennt, „hier liegt er begraben.“

Müllers radikal pessimistische Sicht auf die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts bleibt auch in Gießen erhalten, aber auch der poetische Reichtum des Stücks, das oft mehr Sprache als Spiel ist. Das Ensemble trifft die bilderreiche, pathosgetränkte, manchmal kitschnahe Diktion Müllers meist sehr gut. Beeindruckend, weil sehr konzentriert, die Szenen mit nur wenigen Darstellern, während in den großen Panoramen, etwa der Berliner Straßenszene von 1949 mit 18 Personen, manches verweht, aber das liegt auch an Müller. Schön herausgearbeitet die Liebesgeschichte des Stücks zwischen einem selbstbewussten jungen Mann im blauen FDJ-Hemd (Gunnar Seidel) und Rosa, einer jungen Frau (Irina Ries), von der er nicht weiß, dass sie Prostituierte ist, und der bei ihr bleibt, als er es erfährt. Hilse aber hält sie in seinen Todesträumen für Rosa Luxemburg.


Heiner Müller: Germania Tod in Berlin
Stadttheater Gießen. Premiere 23.1.2010
Informationen und Termine: www.stadttheater-giessen.de