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Eine „Butterfly“ von 2010

Katharina Wagner entdeckt in Puccinis Oper viele Globalisierungsprobleme
Von Wolf-Dieter Peter

„Madama Butterfly“ am Staatstheater Mainz: nichts von kimono-frohem Exotismus, kein fescher US-Navy-Offizier, der eine süß trippelnde Geisha ruiniert. Katharina Wagner sieht vielmehr eine in dieser unserer Welt schon mal gescheiterte, weiterhin leidende, aber unvermindert starke Frau: Sie zieht nämlich aus ihrem monströsen Kostümkleid kleine weiße Boxen. Daraus baut sie eine kleine Mauer, einen kleinen Altar gegen die übrige Bühnenwelt. Mit den darin enthaltenen Filzstiften schreibt sie später „Liebe“, „Hoffnung“, „Vertrauen“, „Gerechtigkeit“ und viele andere Begriffe an die weißen Mauern ihres Raumecks – all jene „alten“ Werte, die derzeit – als altmodisch belächelt – untergegangen scheinen in der weiten Welt der Pinkertons. Er ist nämlich einer jener flexibel von Top-Job zu Top-Job durch die Welt vagabundierenden smarten Egozentriker, die mit ihren Dollars alles, halt auch so was wie „Vergnügen“ kaufen. Und immer und überall stellen sich ihm Makler-Typen wie der dieser in jeder Hinsicht „grenzenlose“ Goro zu Verfügung – und prompt macht Katharina Wagner aus ihm eine mefistofelische Magier-Figur, die alles „herbeizaubert“ und triumphierend auf dem schwächelnd nur Bedenken tragenden Konsul Sharpless reitet.

Doch Wagner macht auch vieles mehr: schon zu den ersten Takten der Musik kreisen auf der Bühne sieben bonbonfarbige Raumecken und zeigen Prostitution und grell wechselnde Sex-Männerträume. Diese Raumecken sind im 2.Akt im Bühnenhintergrund ausgestapelt. Durch sie irrt immer und immer wieder ein Pinkerton-Double auf der Jagd nach Sex-Reizen, während Butterfly ihren Werten nachsingt. Sie bleibt in ihrem monströsen Kleid, aus dem Pinkerton im Liebesduett endlos Schleierfetzen zieht – ohne zu ihrem Körper vorzudringen. Sharpless und Pinkerton ziehen dann Endlosschleier aus dem verhüllten Wohnraumeck Butterflys, dann aber auch aus Goros Frackschleppe. Goro lässt Wasser über die Wände fließen und wäscht die Wertebegriffe fast ab. Kate Pinkerton tritt als Kostüm-Double Goros auf und verschmiert die Werte endgültig… Butterfly und Pinkertons Kind ist eine rote Box, die sich als leer erweist… undundund.

Schleichend bis zum Ende ohne Butterflys Harakiri stellte sich der Eindruck ein: Viele, aber auch vielerlei richtige Ansätze und Details, nur nicht dramaturgisch konsequent gebündelt und zu einem dementsprechend anklagend starken Musiktheaterabend geformt. Da außer den guten Butterfly- und Suzuki-Sängerinnen auch die Herren und Dirigentin Catherine Rückwardt lediglich akzeptabel Konventionelles boten, gab es am Ende schwächelnden Beifall, ein wenig Buh und enttäuschte Ratlosigkeit. Mag sein, dass die schwere Erkrankung von Vater Wolfgang, die Katharina nach der Generalprobe zurück nach Bayreuth rief, der Produktion die letzte Formung und Ausstrahlung unmöglich gemacht hat.

Giacomo Puccini: Madama Butterfly
Staatstheater Mainz, Großes Haus. Premiere: 15.01.2010
Informationen und Termine: www.staatstheater-mainz.de