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Zu viel und zu wenig Lenz gleichzeitig Castorf zerfasert Lenz’ „Der Hofmeister“ am Zürcher Schauspielhaus Fünf Stunden braucht Frank Castorf am Zürcher Schauspielhaus für J.R.M. Lenz‘ „Hofmeister“. Kein Wunder, streckt er das Lust- und Trauerspiel doch um Ausschnitte des „Pandaemonium Germanicum“, Georg Büchners Novelle über den Autor, fügt Szenen aus Heiner Müllers „Schlacht“ und eine Erzählung Tolstois ein. Das Ergebnis wirkt nach spannendem Beginn immer weniger durchgearbeitet. Was hat Lenz‘ Hofmeister Läuffer, der als typischer Stürmer&Dränger zwischen die Ansprüche seiner adligen Dienstherrschaft und der Liebe gerät, mit den Kämpfern und Verrätern aus Heiner Müllers „Schlacht“ zu tun? Muss Königsberg als ein Ort der Handlung durch SS-Runen in Preußen lokalisiert sein? Und was bringt es mehr als Lokalbezug, in putzigem Schweizerdeutsch die jüngste Polemik der rechtskonservativen „Volkspartei“ gegen einen angeblichen „deutschen Filz“ an den Zürcher Hochschulen einzubauen? Alles wirkt etwa so frei assoziativ wie der Einsatz eines realen Traktors samt Anhänger zu einem Tolstoi-Einschub, nur weil die große Schiffbauhalle das halt zulässt. Ob das die Politiker beeindruckt, welche die Halle dem Theater aus finanziellen Gründen wieder wegnehmen wollen? Immerhin will sie Barbara Frey, die das Schauspielhaus seit dieser Spielzeit leitet, auch wieder mehr und regelmäßig bespielen. Castorfs Inszenierung beginnt spannungsvoll und unterhaltsam. Klar sind die sozialen Schichten ge- und im richtigen Maß überzeichnet. Ursula Doll als Majorin trägt ihre Blasiertheit so prominent wie die Dessous (Kostüme Jana Findeklee/Joki Tewe), Major und Geheimer Rat von Berg (Robert Hunger-Bühler und Gottfried Breitfuss) zeigen Bauch und Unterhemd, der neue Hauslehrer Läuffer (Niklas Kohrt) bleibt hochgeschlossen unter der Puderperücke. Die zwischen einem echten Rübenfeld und einem Strohhaufen (welch Spiel- und Wühlangebote von Hartmut Meyer!) liegt eine Trikolore als Sinnbild der Aufklärung, die von Lenz’ adligem Personal mit Füssen getreten wird später wird sie in einem Tableau vivant nach Delacroix’ berühmtem Revolutionsbild durch die Hakenkreuzfahne ersetzt: Soweit wird’s kommen, mit dieser Gesellschaft. Bis zur Pause nach zweieinhalb Stunden funktioniert Castorfs bekannter Ansatz gut, die Vorlage (des beim Wiederlesen verblüffend sperrigen und eigenständigen Dramas) zu textlich konterkarrieren und die körperlich stark geforderten Schauspieler (Hut ab vor ihrer Leistung!) zwischen Rollenidentifikation und Distanz schwanken zu lassen. Die eingefügten Teile aus Büchners Lenz-Erzählung und aus Lenz’ eigenem „Pandaemonium germanicum“ und sogar die parodistisch eingefügten Teile aus Wolgang Rihms Lenz-Oper ergänzen die erstaunlich texttreue Umsetzung hier anregend, weil sie die Ironie des „Trauer- und Lustspiels“ kongenial aufnehmen. Der zweite Teil dann ein Desaster: Alles zerfasert, nichts stimmt mehr zusammen. Was provokativ war, bleibt nur noch hilflos laut (selten wurde Text so in die Halle gedröhnt) und textreu zahm. Wenn der alte Dorfschulmeister bei Lenz eine ganze Szene über den Nutzen des Tabaks oder religiöse Fragen referiert, lässt Castorf Siggi Schwientek das zwischen Schultheaterkulissen ohne jeden Strich spielen wie vom Blatt. Wo im ersten Teil schauspielerische Leistungen wie neben den genannten Patrick Güldenbergs komödiantischer Pätus, die einzelnen Szenen mit zusammenhielten, schafft das jetzt auch das Planschbecken nicht mehr. Am Schluss treiben Läuffer und das (längst praktisch nackte) Dorfmädchen Lisa vier Enten über die Bühne. Wie allzu vieles bleibt das auch offen aber endlos ausgewalzt. Das Ende von Büchners so dichter Novelle, kämpft dann schon so gegen die Erschöpfung des Publikums, dass Niklas Kohrt sich möglichst schnell zu Lenz’ Ende in Büchners Version spricht: „Sein Dasein war ihm eine notwendige Last. So lebte er hin.“ Die Premiere war, trotz Fernsehvorbericht, keineswegs ausverkauft. Nach der Pause (also nach immerhin schon zweieinhalb Stunden Spieldauer) blieben nochmals mehr Sitze leer. Der Applaus für die Darsteller blieb müde, beim Regieteam flaute er nochmals ab durchaus parallel zum Spannungsbogen des zu langen Abends. J.M.R. Lenz: Der Hofmeister |
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