+++ k u r z k r i t i k +++

Liebe ist mehr als ein Kuss

Goyo Monteros Dornröschen-Neudeutung wird in Nürnberg begeistert angenommen
Von Vesna Mlakar


Vor einem Jahr übernahm der smarte Spanier Goyo Montero am Staatstheater Nürnberg die Nachfolge von Daniela Kurz. Angesiedelt zwischen zeitgenössisch interpretierter Ballettklassik und modernem Tanztheater kurbelte er seither mit eigenen Auslegungen handlungsbejahender, u. a. Shakespeare entlehnter Stoffe wie Romeo und Julia oder Desde Otello die Auslastungszahlen der Sparte Tanz kräftig an. Da es eine Weile, aber auch ein gutes Fundament braucht, damit ein junges Ensemble und sein Chefchoreograf so richtig zusammenwachsen, lässt Montero sich hinsichtlich Uraufführungskreationen noch Zeit – zumal er auf bereits anderswo ausgezeichnete Produktionen zurückgreifen kann. Wie im Fall seiner jüngsten Premiere im Dezember 2009: Peter I. Tschaikowskys berühmt-berüchtigtem Märchenballett Dornröschen.

Abgespielt kommt seine erstmals 2006 in Valencia vorgestellte Neuinterpretation des Klassikers in Nürnberg keineswegs daher: Die Bühnenausstattung von Josep Simon und Manuel Zuriaga ist auf wenige, wesentliche Elemente reduziert, und Angelo Albertos neu entworfene Kostüme (von fröhlichen Pastelltönen bis zu düsterem Schwarz) unterstützen die klar strukturierte, vom ursprünglichen Finale her neu aufgerollte Choreografie. Diese spinnt sich – im Gegensatz zu Petipas nummernreicher Vorlage von 1890 – wie ein Thriller um den Prinzen Desirée (Gastsolist Iván Gil Ortega), der sich erst einmal eine Ohrfeige einfängt, nachdem er auf Geheiß der Weißen Fee sein Dornröschen wachküsst. Denn Tamara Michalcyk – obgleich sie Rosa trägt – will erobert werden! Was dem Prinzen mithilfe Fee, Hofgesellschaft, in Partnerschaft brillierendem Blauem Vogel (Hirotaka Seki mit Sayaka Kado) und akademisch unterfütterten Bewegungsraffinessen nach mehreren Anläufen schließlich gelingt. Doch ausgerechnet im Augenblick höchsten Glücks zerren dunkle Mächte die Liebenden auseinander, und das Mädchen landet im Schattenreich der bösen, von Saúl Vega akrobatisch fulminant verkörperten Carabosse.

So wird im zweiten, tanztechnisch innovativeren Teil schnell deutlich, worauf Montero seinen Fokus inhaltlich gerichtet hat: auf das Sich- (Selbst und gegenseitig-)Finden Heranwachsender. Seine Carabosse nimmt dabei Züge à la Rotbart an und die auf Prinz Desirée angesetzten Frauen lassen an männermordende Willis denken. Tschaikowskys Partitur (von Montero stimmig zum kampfgeschwängerten Handlungsablauf umgebaut) klingt farbenkräftig – wie moderne Filmmusik.

Tatsächlich legten sich die Nürnberger Philharmoniker unter ihrem Dirigenten Philipp Pointner vom ersten Ton an mit Pauken und Trompeten mächtig ins Zeug. Ohne die leisen Momente wie den sinnlichen Schluss des Trennungsdramas zu vergeigen. Ihrer Kostüme ledig kann der Prinz am Ende sein Dornröschen – gedoubelt von weiteren Paaren – wieder umarmen. Entschlossenheit führte ihn ebenso zum Ziel, wie Montero.


Goyo Montero: Dornröschen
Staatstheater Nürnberg Ballett. Premiere: 12.12.2009
Informationen und Termine: www.staatstheater-nuernberg.de