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Eine Version des Mythos John Neumeier choreografiert „Orpheus“ in Hamburg Der Tod ist nur ein Passant in schwarzem Mantel, immer schon irgendwie da, auch wenn man ihn noch nicht für ernst nimmt. Da geigt der junge Orpheus in Jeans auf dem Stuhl stehend seine Etüden, und im begeisterten Publikum schlendert Hermes, der Totenführer, umher. Nicht auf ihn, den Göttersohn, hat er’s abgesehen, sondern auf Eurydike, die da eben flott durchs Bild schwebt und dem Stargeiger den Kopf verdreht. John Neumeiers neues Ballett „Orpheus“ ist stark in dieser scheinbar so beiläufigen Durchdringung von Mythos und Alltäglichkeit. Weniger überzeugend ist die rein mythologische Vorgeschichte choreografiert. Zu Strawinskys „Apollon“, das schon bei Balanchine zu kühler Schöpfungs-Abstraktion geronn, lernt Orpheus von Papa Apollo (Edvin Revazov) synchrone Schritte, d.h. die künstlerische Ordnung, während Mama Kalliope (Anna Laudere) auf lichter Spitze fürs kreative Abheben sorgt. Mit der Geige in der Hand entkommt er diesem harmonischen Reigen. Schon steht er im Rampenlicht, steigert sich, von Liebe inspiriert, zu Sprungrunden und lässt sich dann im zarten Pas de deux mit Eurydike von ihr die Geige aus der Hand nehmen. Verrat an der Kunst? Strafen die Götter so rasch, wen sie lieben? Während er noch den Applaus der Massen entgegennimmt, gerät die Geliebte unters Auto: Ferdinand Wörgerbauers klassisch lichtes Bühnenbild fährt hier als stehende Installation den Unglückswagen auf, unter dem die Tänzerin hervorrollt. Nun beginnt Orpheus‘ Totenklage. Otto Bubenicek, eingesprungen für den verletzten Roberto Bolle, nutzt das ganze expressive Repertoire des zeitgenössischen Tanzes. Von Emotionen durchschüttelt, lehnt er die Geige, die ihm Apollo aufdrängen will, ab, noch ist er nicht fähig zur kreativen Verarbeitung seiner Trauer. Nur Körper ist er jetzt, rammt sich die Fäuste in den Bauch, windet sich auf dem Boden, und wird erst durch die Drehungen, die er beim Klang des Live-Geigers neben sich ausführt, wieder frei im Kopf. Die Natur nimmt ihn auf: Tänzer mit Laub im Haar wiegen und tragen ihn und schlagen sich auf wie ein Fächer. In der Musik auch kann Orpheus seine Geliebte wiedererwecken: Er berührt die Geige auf Eurydikes Leiche, die seinen Bewegungen folgt. Die Wirklichkeit der Huren, die Neumeier zu einer englischen Pop-Variante des Stoffs auftreten lässt, wandelt sich, Hermes führt den Sänger unterm Autowrack durch ins Jenseits. Nach der Pause sitzen auch wir Zuschauer im Jenseits und sehen Orpheus unterm Wrack hervor auf uns zukommen. Leben und Tod sind ein Perspektivwechsel, jene halbnackten Lemuren, die sich in die Höhe recken oder auf dem Rücken liegend die Glieder strecken als waberten sie im Strom des Vergessens, sie könnten auch die vergeblich schuftenden Menschen des Diesseits sein. Mit seiner Geige Klang lässt Orpheus den Nebelschleier zwischen sich und der synchron tanzenden Eurydike auffahren. Er dreht sie auf ihrer Spitze, selbst ganz in ihren Bauch geschmiegt, doch mehr noch scheint sie in sich verwoben: Hélène Bouchet hat die Arme wie Wurzeln verstrickt, ihre Glieder erschlaffen unter seinen Händen. Wirklich lässt sich die Tote eben nicht wiedererwecken. Orpheus muss allein ins Diesseits zurück, wo er seine künstlerische Aura verloren hat. Neumeier lässt ihn nicht von den Mänaden zerreißen, wie im Mythos, doch lässt ihn das Publikum auf der Bühne im Stich. Gnädig heben ihn blau gewandete Tänzer wie Wellen auf. Tot liegt zuletzt der Gottessohn, der in seiner Kunst die Grenze zwischen Leben und Tod zu überschreiten vermochte. Ein Traum war es, eine kurze Passacaglia, Klang nur, der die Seele enthebt, der Körper ist vergänglich. Neumeiers eigene Grenzwanderung zwischen Abstraktion und Wirklichkeit hätte kraftvollere Musik und mehr rabiate Fleischlichkeit als Kontrast zur getanzten Philosophie vertragen. Faszinierend aber ist, wie sein Jenseits zugleich inneres Selbst ist, nicht zuletzt durch Bubenicek weniger von jugendlicher Dämonie beherrscht, als von reifer ringender Entsagung. Vielleicht lebt die tote Eurydike im Glück, und Orpheus, der den Tod nun kennt, schwingt sich auf dem Fluss des Vergessens dahin zurück. So bietet Neumeier keine emotional mitreißende, aber eine nachdenkliche Version des Mythos. John Neumeier: Orpheus |
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