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Im Dunkel der Nacht

Ballettabend „Nighthawks“ von Ricardo Fernando und Eric Oberdorff am Theater Hagen
Von Isabell Steinböck

Die Tänzerin dehnt den Oberkörper weit zur Seite, streckt ihren Arm hoch, dann wird es schlagartig dunkel. Pas de deux folgen, in denen sich Tänzerinnen, auf den Boden gekauert, allmählich im Kreis drehen, bis es plötzlich Schwarz um sie wird; Arme pendeln oder formen sich zu Schwingen wie bei einem Vogel, dann geht das Licht aus. „Libre“ ist die erste von insgesamt drei Choreografien, die am Theater Hagen zur Premiere kam. „Nighthawks“ (Nachtfalken) ist der Titel des Ballettabends, der elegisch und düster zur Musik von Giya Kancheli beginnt. „Time… and again“, eine Komposition für Violine und Piano, entfaltet eine geradezu mystische Atmosphäre, mit seinen lang gezogenen Tönen, dem langsamen Tempo und Pausen, die der Dunkelheit Raum geben.

Eric Oberdorff, Leiter der „Compagnie Humaine“ in Nizza, hat das Stück 2008 für seine Kompanie kreiert und nun als Gastchoreograf mit sieben Tänzerinnen und fünf Tänzern des Hagener Balletts einstudiert. Es ist ein Tanzstück, das wie ein Flickenteppich aus Einzelchoreografien besteht – Momentaufnahmen, zusammengestellt aus Soli, Pas de deux oder Pas de trois. Der Musik entsprechend, choreografiert Eric Oberdorff langsame, lang gezogene Bewegungen, die nur selten durch dynamischere Sequenzen unterbrochen werden. Giya Kanchelis zweites Musikstück, „V&V“, folgt der ersten Komposition nahezu nahtlos, und Oberdorff verfolgt auch hier choreografisch die Linie minimalistischer Sequenzen. So bewegt sich „Libre“ zwischen Licht und Schatten auf einer Tonhöhe, zwar versiert getanzt, aber in seiner düsteren, geradezu meditativen Getragenheit auf Dauer zu lang, um die Spannung zu halten.

Die zweite Choreografie des Abends, „Absence“, ist ebenfalls von Eric Oberdorff choreografiert und wieder ein Stück im Largo. Zu Arvo Pärts melancholischer Komposition, „Spiegel im Spiegel“, bringt Oberdorff ein wunderbar-trauriges Pas de deux auf die Bühne. Carla Silva verkörpert eine Frau, die einen Verlust („Absence“) erlitten hat, und nur durch ihren Partner, getanzt von Leonardo Fonseca, aufrecht gehalten wird. Es ist ein rührendes Szenario, das sich hier aufbaut, wenn der Tänzerin wiederholt der Boden unter den Füßen zu entgleiten droht. Unermüdlich hält der Geliebte sie fest, fängt sie auf, trägt sie auf seinen Knien oder vor dem Bauch wie ein Kind. Carla Silva und Leonardo Fonseca harmonieren als Paar, zeigen fließend-schönen Tanz und berühren in diesem Stück, das lähmende Trauer und innere Zerstörtheit ebenso auf die Bühne bringt, wie bedingungslose Liebe.

Der zweite Teil des Abends ist von dem Leiter des Hagener Balletts, Ricardo Fernando, choreografiert und bildet ein gelungenes Pendant zu Eric Oberdorffs abstrakter, lyrischer Tanzsprache. „Underground“ ist eine beinahe abendfüllende Produktion von 17 verschiedenen Tanzszenen, verspielt und bunt choreografiert wie ein Musical. Die Musik stammt von Tom Waits und wird durch Gerrit Rentz am Saxophon wirkungsvoll untermalt, ebenso wie von den Tänzern, die immer wieder auch mitklatschen, den Rhythmus trommeln oder in den Boden stampfen. „Underground“ zeigt Menschen, die außerhalb der geregelten Gesellschaft leben. Synonym dafür ist die U-Bahn, die nicht nur jugendliche Freaks transportiert, sondern auch Obdachlose und Aussteiger. Ricardo Fernando lotet das Spektrum der Gefühle aus, die das Leben auf der Straße bedeuten kann: dynamische Gruppenchoreografien bringen das Partyvolk der Nacht auf die Bühne, Verliebte streiten und lieben sich auf ausrangierten Matratzen oder helfen einander, ihren Visionen näher zu kommen. Als Straßenkünstler werden sie zu Clown, Ballerina oder Jongleur und träumen sich auf Treppenstufen in eine bessere Zukunft.

„Underground“ ist eine Produktion, die neben zeitgenössischer Tanztechnik auch emotionalen Ausdruck fordert, in Stücken, die mal temporeich und athletisch, mal romantisch und verträumt sind – kein Problem für das Hagener Ballett, das hier alle Register seines Könnens zieht und sich wieder einmal als versierte Kompanie erweist.

Eric Oberdorff / Ricardo Fernando: Nighthawks
Theater Hagen. Premiere: 24.10.2009
Informationen und Termine: www.theater.hagen.de