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Oper entlarvt Reality-TV Frankfurts Oper wagt Leonis „L’oracolo“ und Puccinis „Le Villi“ Wie hört man’s immer mal? „Oooch, die olle Oper, diese unwahrscheinlichen Geschichten mit verrückten Menschen, Geistern und Göttern… und dann singen die auch noch?! Ne, da lob’ ich mir doch handfeste Fernsehkost!“ In Frankfurt bewiesen nun Regisseurin Sandra Leupold und Ausstatterin Heike Scheele, dass sich die Verhältnisse genau umgekehrt haben: Dass die kommerziellen TV-Sender mit ihren getürkten Reality-Shows längst und fürchterlicherweise banalisiert die Funktion der „Opernmärchen“ übernommen haben. Franco Leonis „L’oracolo“ spielt 1905 im Chinatown San Franciscos: Ein orakelnder Seher erkennt die Gier eines bösen Opiumhändlers nach einem süßen Nachbarmädel, das aber den Sohn des Sehers liebt. Der Bösewicht entführt deren kleinen Cousin, um die Heirat zu erzwingen. Als ihn der Sohn des Sehers entlarvt, erschlägt der Bösewicht ihn. Am Ende findet der Seher das Kind, stranguliert den Bösewicht und bleibt mit dem toten Sohn zurück. Das Team Leupold-Scheele versuchte nun keine US-„Butterfly“, kein „Chinatown“-Filmimitat. Alles spielt in einem Fernsehstudio, wo ein grimmassierend-dauerfröhliches Moderatorenpaar dem rundum sitzenden (Chor-)Publikum und uns dies als „schauerliche Reality-Show“ bietet: Alles spielt in erkennbar „gemachten“ Kostümen auf einem Zentralpodium, an das pittoreske, Disneyland-artige Chinatown-Kulissenteile sichtbar heran geschoben wurden. Und alles wird natürlich vom TV-Aufnahmeleiter gesteuert, aufgenommen, teils mit Steadycam live auf einem Bildschirm vergrößert, um die „Tragik“ ganz groß zu machen. Lärmend wird umgebaut, alles Publikum in die Pause geschickt und dann mit einer Kitschpostkarten-Schwarzwald-Kulisse samt Puccini-Musik zum zweiten Teil zurückgeholt. Und auch hier geht’s rationell zu: Der Hahn vom Chinatown-Markt sitzt nun neben dem deutschen Bauernhaus auf einem Wiesenimitat, das zuvor als Gartendeko neben dem chinesischen Häuschen lag. Und wieder tritt das Moderatorenpaar in Aktion: diesmal ergänzen sie die von Puccini einem Erzähler anvertrauten Handlungsteile vom Erbantritt des bislang Anna liebenden Roberto, von seiner Verführung durch Frauen in Mainz, wo Robert alles Ererbte durchbringt. Und da werden dann die Reaktionen des „Fernsehpublikums“ angeheizt: Erstmal mit Spruchbändern für Roberto, dann zu Verdammung und Hasstiraden gegen ihn. Nicht alles die Vereinsamung, der Tod Annas, ihre Wandlung von der verlassenen Braut zur geisterhaften „Villi“, die Einsicht Robertos und statt des Wassertodes bei den „Villis“ seine Steinigung durch das Studiopublikum gelang da szenisch überzeugend. Doch die Buh-Rufe in die Szene hinein trafen nicht die Aufführung, sondern eigentlich diese unsere Fernsehwelt, die da dramaturgisch überzeugend entlarvt wurde. Der „Sieg“ der Oper geriet sogar noch größer, denn dem jungen Bass Ashley Holland gelang eine so fesselnd dichte Ausstrahlung als Orakel, dass die Regie für seine Szenen allen TV-Müll im Dunkel versinken ließ und prompt die Intensität des singenden Menschen triumphierte. Gleiches galt für den Bösewicht von Peter Sidhom, für den sich körperlich und vokal fulminant ins geschmähte deutsche Regietheater hineinwerfenden Tenor Carlo Ventre und für die alles mit mal glühenden Liebestönen mal mit leidender Klage überstrahlende Annalisa Raspagliosi. Sie und Dirigent Stefan Solyom bewiesen: Oper bleibt das wahre Kraftwerk der Gefühle. Franco Leoni / Giacomo Puccini: L'oracolo / Le Villi |
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