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Johanna – leider doppelt gescheitert

Münchner Erstaufführung von Verdis „Giovanna d’Arco“ im Staatstheater am Gärtnerplatz
Von Wolf-Dieter Peter

Johanna von Orleans – 1845 hat sich Giuseppe Verdi aus mehreren Gründen mit dieser ebenso begeisternden wie bedauernswerten Frauenfigur beschäftigt. Zum Ersten waren die Protokolle dieses wahnwitzigen, sogenannten „Hexenprozesses“ veröffentlicht worden. Dann begann Verdi den deutschen Dramatiker Friedrich Schiller zunehmend zu schätzen. Und schließlich war die Thematik des heroischen, gleichsam von Gott gewollten Befreiungskrieges gegen eine Fremdherrschaft im österreichisch besetzten Mailand ein hoch kochendes Thema: 1848, knapp drei Jahre später kam es zur Revolution. Verdi und sein Librettist Temistocle Solera behielten in ihrer Oper Schillers Abweichung von der Geschichte bei: auch ihre „Giovanna d’Arco“ stirbt als Siegerin auf dem Schlachtfeld, von Gloriole umstrahlt, der Himmel offen.

Giuseppe Verdi konnte Jean Anouilh und sein 1953 uraufgeführtes Drama „Jeanne oder die Lerche“ nicht kennen. Aber komponiert hat er den lerchenhaft erhabenen Charakter dieses Mädchens aus Domrémy schon 1845: Im Mittelteil der Ouvertüre schwebt die Flöte so unbeschwert und fern allem Menschenlärm wie Giovannas Mädchenseele anfangs die Welt erlebt. Diesen Ton traf Dirigent Henrik Nánási sehr schön. Dementsprechend gelang auch Giovannas große Soloszene der Erinnerung an die Landschaft ihrer Kindheit – natürlich auch, weil Sandra Moon über die dazu nötige Lyrik verfügte. Doch Nánási war sich natürlich auch bewusst, dass er „frühen Verdi“ dirigiert – und dazu das Feuer der „italianitá“, also dieser vorwärts drängende Impetus, der das Gefühl auslöst, alles würde immer schneller, würde sich vom kleinlicher Gewürge aller Erdenschwere lösen, um in utopisch tänzerisch jubelnder Freude zu explodieren. Das blitzte zumindest in den Ensembles und Finali auf, auch wenn da oft der gute Vater von Riccardo Lombardi, der anfangs hypernervöse König Karl von Harrie van der Plas und der Chor dem von Nánási da immer wieder angeschlagenen, rasanten Tempi hinterher sangen.

Dennoch stellte sich das rechte Verdi-Feuer nicht ein – trotz Heiko Mönnichs dezent historisierenden Kostümen im düsteren Gefängnis eines Einheitsbühnenbildes, das von einem drohend schwebendem Kreuz dominiert wurde. Die Ansätze dazu wurden wortwörtlich kaputt geredet, weil niemand – nicht Dirigent, Dramaturg oder Intendant – dem Regisseur Thomas Wünsch in den Schreibarm fiel. Wünsch verstand sich nämlich auch als Bühnenautor – und keiner machte ihm klar, dass er kein George Bernard Shaw oder Jean Anouilh ist. Wünsch kam auf die grundsätzlich verständliche Idee, der historischen Realität durch eigenhändige Sprechszenen gerecht zu werden. Also auch zu zeigen: Johanna auf dem Scheiterhaufen; Johanna im Verhör; Johannas weibliche Sehnsüchte und emotionale Versuchungen – und alles mehrfach. Also doppelte Wünsch die Titelfigur und legte seiner Schauspiel-Giovanna Sieglinde Zörner eigene Texte in den Mund. Die waren zu lang, zu banal, teils konstruiert „problemorientiert“. Doch es kam noch dramaturgisch schlimmer: Wünsch hielt szenisch die Trennung zwischen Verdis Giovanna und seiner eigenen nicht konsequent durch. All das gipfelte in zwei Begleitern seiner Giovanna: einem weißen gottgleichen Engel, tatsächlich „Der Herr“ benannt – und einem halbnacktem „Verführer“, der wohl zusammen mit Wünsch Sigmund Freud gelesen hat: mal wurde er blutüberströmt von Giovanna aus dem eigenen Unterleib gezogen, mal küsste er sie, mal schlief er mit ihr… dafür – und sein mangelndes Gespür für musikdramatischen Fluss erntete Regisseur Wünsch zurecht einhelliges Buh am Schluss. Schade: In dieser Fassung setzt „Giovanna d’Arco“ nicht den Anfangserfolg der vorjährigen „Masnadieri“-Produktion fort.


Giuseppe Verdi: Giovanna d’Arco
Staatstheater am Gärtnerplatz. Uraufführung: 1.10.2009
Informationen und Termine: www.staatstheater-am-gaertnerplatz.de