|
Alte Leiden, neue Zeit Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ wieder in Halle Es ist ein Stück mit mindestens doppeltem Geschichtsboden. Denn das W steht für Werther und für Wibeau. Mit dem Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ wurde der junge Goethe einst populär. Und als Ulrich Plenzdorf Anfang der siebziger Jahre mit lockerer Zunge draufsattelte, und seinem jungen Edgar Wibeau per Unfalltod seine DDR-Perspektive raubte, da war das ein Politikum. Dabei war Goethe natürlich nicht das Problem, sondern eher der Trick für Plenzdorf. In seinem Schutze wurde es möglich, nachzufragen, warum da jemand sein brav geordnetes Leben im Sozialismus nicht wollte und einfach nicht mitspielte. Die Lehre schmiss. Von zu Hause abhaute. Und per Zufall auf ein Reclam Heftchen mit Goethes Werther stößt, um alsbald bei seiner Flamme Charlie mit dem flott geborgtem hohen Ton zu punkten. Doch er verunglückt tödlich, als er eine Maschine für den Bau „erfindet“ in die Geschichte, die jetzt als Spurensuche rückwärts erzählt wird, mischt er sich immer wieder aus dem Jenseits ein. Wäre Edgar nicht in Omas alte Gartenlaube ausgewichen, sondern in den Westen, dann hätte es dieser Edgar Wibeau sicher nicht zum populären Bühnenhelden in der DDR bringen können. Im damals noch wagemutigen Theater in Halle wurde das aber möglich. Die Nachfolgeinstitution, das neue theater, hat jetzt dieses Plenzdorf Stück, 37 Jahre nach der Uraufführung, wieder hervorgeholt und versucht, ihm mit der Gegenwart eine dritte Zeitebene hinzuzufügen. Das macht den Charme der Inszenierung von Frieder Venus aus. Es ist aber auch ihr Problem, weil diese Verlegung der Geschichte eher ein halbherziger Versuch bleibt, um nicht in die nostalgische Falle der Wiederbelebung eines Kultstückes von ehedem zu tappen, aber dennoch das DDR-Gefühl nicht zu unterschlagen. Da klingt nicht nur die „Ein Euro Brigade“ wie ein verqueres Unikum. Beim locker vitalen Wolf Gerlach (als Edgar), bei Sophie Lüpfert (Charli) und Jonas Schütte (u.a. als Charlies biederer Ehemann Dieter) schwingt immerhin der Rückgriff auf Goethes Werther-Konstellation, also die klassisch vertrackte Dreiecksgeschichte mit, wenn sie sich durch die eher cool oberflächlichen Gegenwartsklischees lavieren. Damit gewinnen sie mehr Intensität, als etwa Karl-Fred Müller, der als Vater auf der Suche nach dem Leben seines Sohnes eher der Stichwortgeber für die Szenenfolge bleibt. Die funktioniert in Angela Baumgarts offener Bühne zwischen surrealem Gewächshaus, Baustellengrube, Umzugskartons und Videowand ganz gut. Das kippt manchmal auch sympathisch in die Klamotte etwa wenn Ilja Pletner als Edgars Freund Willi oder dann auf dem Bau als Türke Jussuf den spätpubertären Sprücheklopfer mimt. Eine allerdings nur in Halle funktionierende Pointe hat die Inszenierung doch. Denn der Uraufführungs-Wibeau, Reinhard Straube, hat zwar inzwischen die Generationen gewechselt, gehört aber immer noch zum Ensemble. Er gönnt sich natürlich den Blue Jeans Song, dessen Brisanz von damals, man heute kaum noch nachvollziehen kann, und wird als Eddi nicht nur zu einem Alter Ego seines späten Nachfolgers, sondern auch zu sich selbst als erstem Wibeau Darsteller. Das danken ihm vor allem seine Generationsgenossen im Publikum. Die Ästhetik des vom Schauspielerberuf kommenden Regisseurs ist redlich bemüht, ihre Modernität zu belegen, arbeitet mit Videos, hat auch Tempo und lässt den Darstellern Entfaltungsraum. Und doch belegt sie, wie so manche späte Begegnung mit den Helden der Jugend, vor allem, dass die Zeiten nicht nur vergangen, sondern auch ganz andere geworden sind. Dass das Theater dabei seine einst so subversive Kraft der unterschwelligen Revolte eingebüßt hat, kann man gleichwohl nicht ernsthaft bedauern. Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W. |
|||