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Körperkunst und Künstekoop

Zum Berliner Festival „Tanz im August“ 2009
Von Elena Philipp

34 internationale und deutsche Produktionen waren in den letzten beiden Augustwochen zum 21. Jahrgang des „Internationalen Tanzfests Berlin – Tanz im August 2009“ geladen, darunter zwanzig Deutschlandpremieren und sechs Uraufführungen. Ein volles Programm, das in 17 Tagen die Vielfalt des zeitgenössischen Tanzes von theatraler Performance bis zum „reinen Tanz“ durchmaß: Tanz ist in Zeiten verschwimmender Spartengrenzen das, was aus den entsprechenden Produktionsstrukturen stammt, und nicht unbedingt das, was wie Tanz aussieht.

Das mitreißend energetische Ndombolo-Konzert von Faustin Linyekula und Studios Kabako mit nietzscheanischen Texten von Antoine Vumilia Muhindo und drei eher im Hintergrund agierenden Tänzern, „More More More... Future” etwa, oder das bisweilen eitle „Empire. Arts & Politics” der Performancetruppe Superamas, das Tanz nur mehr intradiegetisch als Element einer Premierenparty beinhaltet, sind mit dem Gattungsbegriff „Tanz“ kaum angemessen zu beschreiben.

Nun ist es seit jeher das Credo von Tanz im August mit veranstaltenden TanzWerkstatt Berlin, dass die Sparte nicht nur auf “Tanztanz” zu beschränken ist. In diesem Jahr betonen die fünf Kuratorinnen und Kuratoren das Künste-Übergreifende auch in ihrem Festivalmotto: „Listen!” heißt es, Hör mal! oder Hör hin! Es soll die Wahrnehmung auf die akustischen Aspekte des Tanzes lenken – vom schweren Atmen erschöpfter Tänzer über Geräusche, Sprache und Gesang bis zur Bühnenmusik. Das ist instruktiv, doch könnte man ebenso die Licht- oder Raumkunst hervorheben, die gemeinsam mit Tanz und Ton spätestens seit der Zusammenarbeit von Merce Cunningham, John Cage und Robert Rauschenberg in einem Bühnenwerk als gleichberechtigte Partner auftreten.

Bei Tanz im August 2009 sind gelungene Kooperationen zu besichtigen: Lichtdesignerin Ann Veronica Janssens und Bühnenbildner Michel François etwa hängen für „The Song” von Anne Teresa de Keersmaekers Compagnie Rosas eine opake Silberfolie in den Schnürboden, die expressive Lichteffekte auf den Bühnenboden zeichnet – Wasserwogen, Nervenzellen, Galaxienhaufen? – und irgendwann knisternd zu Boden weht. Ein Lichtbalken wandert über den gesamten Theaterinnenraum und wird von den Zuschauern gebannt verfolgt.

Thomas Hauerts Compagnie Zoo improvisiert „Accords” in einem von Jan Van Gijsel entworfenen stimmungsvollen, mitunter kunsthandwerklichen Claire-obscure, und beim tanztechnisch brillanten, aber konzeptuell eher schlichten Abend von Nachwuchschoreografen aus dem Sasha Waltz-Umfeld zeichnen Scheinwerfer betanzbare Diagonalen, kreieren Lichtduschen kleine diffuse Tanzspots und projizieren Beamer Matisse-ähnliche Muster auf den weißen Tanzteppich. In Luc Dunberrys „Aliens” wird ein Zelt zur Projektionsleinwand, die Bühne zum Filmträger – und die Tänzer wirken wie künstliche Objekte. Auch in „Is You Me“ von Par B.L.eux verschlucken die Live-Zeichnungen von Laurent Goldring beinahe den Tänzer Benoît Lachambre, das Mediale dominiert: Hahn Rowes Live-Elektro und die buntchaotischen Linien, Farben und Figuren machen die Crossover-Performance zu einem siebzigminütigen Musikvideo.

Die Präsentation von Hybridformen, die Entdeckerfreude jenseits der Gattungsgrenzen, die sehr weit gefasste Definition der eigenen Sparte – nichts Neues beim größten Tanzfestival Deutschlands, aber ein Weg zu Neuem im Tanz. Flamenco-Star Israel Galván erweitert seine Tanzfachsprache humorvoll um Alltagsgesten. Eleanor Bauer findet bei Youtube Anregungen für ihre eigene Street Dance-Kreation, das Scratching, das man im HAU3 mittels Youtube-Tutorial lernen kann. Ihrer Bühnenshow „At Large” ist ein Büchlein mit Choreografeninterviews beigegeben, das in einem Forschungsprojekt zur Brüsseler Tanz-Community entstand. Das derart transmedial erweiterte, theoretisch informierte und zugleich leichtfüßig ironische Stück, das die Youtube-Videos ebenso zitiert wie Musicals und „Le Sacre du Printemps”, ist sicher ein „Centrepiece“ für den ästhetischen Ansatz der TanzWerkstatt und des HAU.

Doch auch die reduzierten, ausstattungstechnisch sparsamen Stücke sind im Programm vertreten. Begeistert aufgenommen: Daniel Linehans Multitasking-Solo „Not About Everything”, in dem sich der New Yorker über eine halbe Stunde wie ein Derwisch dreht und dabei Tasks wie An- und Ausziehen oder Scheckausfüllen performt, und das „Still Difficult Duet” von Pieter Ampe und Guilherme Garrido, in dem zwei Persönlichkeiten, zwei Körper in einer Zusammenarbeit wortwörtlich aufeinanderprallen. Körper im Raum, aufwändige Kunstkooperationen – auch wenn die Qualität schwankte, abwechslungsreich war Tanz im August 2009, so vielfältig wie der zeitgenössische Tanz.


Informationen: www.tanzimaugust.de