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Händel im chinesischen Tempel

Der Aktionskünstler Zhang Huan inszeniert die „Semele“ in Brüssel
Von Stefan Keim

Das Bühnenbild ist einfach sensationell. Einen 450 Jahre alten chinesischen Tempel hat der Regisseur und Allroundkünstler Zhang Huan für seine Inszenierung von Händels „Semele“ abbauen und einfliegen lassen. Viele Säulen sind abgewetzt, das Dach zeigt ebenfalls deutliche Spuren der Abnutzung. Ein Film in Schwarzweißbildern, der während der Ouvertüre projiziert wird, erzählt die Geschichte dieses Tempels. Am Schluss war er einfach nur ein Wohnhaus. Seine Besitzer wollten es verkaufen, denn ihr Sohn sollte heiraten, und keine junge chinesische Frau will in so einem Gebäude wohnen. So wurde aus einem echten Tempel ein Bühnenbild.

Darin inszeniert Zhang Huan nun Händels auf der Schwelle zwischen Oper und Oratorium schwebende – aber deutlich mehr zur Oper neigende – „Semele“ aus chinesischer Perspektive. Es ist der Kampf zweier Frauen. Semele liebt Jupiter, will deshalb nicht den für sie vorgesehenen Prinzen heiraten und verärgert Juno, die eifersüchtige Gattin des stets weibstollen Obergottes. Juno spinnt nun eine Intrige, verwandelt sich in Semeles Schwester und verleitet sie dazu, einen ultimativen Liebesbeweis zu fordern. Jupiter soll ihr in seiner wahren Gestalt erscheinen und sie damit unsterblich machen. Doch dieser Anblick tötet Semele, sie geht in Flammen auf.

Diese Szene löst der chinesische Regisseur wieder über Projektionen. Ein Aschebild Semeles löst sich auf, die Konturen des Gesichtes verschwimmen. Mit ihr stirbt die Utopie. Der Jubelchor, der eigentlich am Schluss der Oper steht, fällt weg. Dafür summen die Choristen die Internationale und tragen einen roten Sarg über die Bühne. Ein mutiges Bild, denn die extrem aufwändige Produktion kam nur mit finanzieller Unterstützung einer chinesischen Stiftung zustande. Die Aufführung soll 2010 auch in Shanghai und Peking zu sehen sein.

Zhang Huan hat keine Erfahrung mit der Oper. Das merkt man an der Behandlung des Chores und oft fehlender psychologischer Grundierung der Figuren. Er bebildert mehr als dass er interpretiert. Dabei rutscht seine Inszenierung gelegentlich in folkloristische Beliebigkeit, wenn zum Beispiel Sumoringer auftreten. Jupiter allerdings in wahrer Gestalt als chinesischen Drachen auftreten zu lassen, macht Sinn. Er steht für die alten Götter, die auch keine Perspektive bieten sondern die Menschen zerstören, wenn sie zu selbstbewusst werden. Mit dieser Aussage dürften die Zensoren in Peking keine Probleme haben.

Gesungen wird auf durchweg hohem Niveau. Ying Huang als Semele ist erstmals in einer barocken Opernpartie zu hören und verzaubert mit farbenreichen, leichten Koloraturen. Jeremy Ovenden ist ein kraftvoller Jupiter, Ning Liang überzeugt in der Doppelrolle als Juno und Semeles Schwester Ino. Doch die Sensation des Abends ist das Orchester. Christophe Rousset entfaltet die vielen Feinheiten von Händels Partitur mit dem Spezialistenensemble Les Talens Lyriques mit liebevoller Musizierlust.

Georg Friedrich Händel: Semele
Brüssel / Theater La Monnaie. Premiere: 8.9.2009
Informationen und Termine: www.lamonnaie.be