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Mysterienspiel in modernem Gewand Hofmannsthals „Jedermann“ im Alten Schauspielhaus in Stuttgart Jedermann fährt im Mercedes-Cabrio vor, hat das Handy am Ohr und die Sonnenbrille schick ins Haar geschoben. „Let me entertain you“ singt Robbie Williams via CD dazu, die Hymne einer hedonistischen Freizeit- und Unterhaltungsgesellschaft. In Klaus Hemmerles Inszenierung am Stuttgarter Alten Schauspielhaus ist der reiche, hartherzige Mann, den Gott vor das Jüngste Gericht holt, ein Mensch ganz aus dem Heute, der allerdings im Versmaß spricht. Man empfindet das jedoch nicht als Bruch, sondern eher als reizvollen Kontrast. Denn der Regisseur stellt die hohe, altertümliche Sprache Hugo von Hofmannsthals, gegenwärtige Figuren und ein modernes Ambiente (Bühne: Andreas Wilkens, Kostüme: Sibylle Schulze) ganz selbstverständlich nebeneinander. Dass diese Gratwanderung glückt, daran hat das überzeugende Ensemble großen Anteil. Matthias Hermann spielt den Jedermann sehr präsent und glaubhaft als nicht unsympathischen, alternden, nur an sich und seinem Vergnügen interessierten Erfolgsmenschen, den das Leid der anderen nicht schert, dessen verzweifelte Lebensgier in Anbetracht des Todes uns aber nahe geht, weil wir in diesem Jedermann ein wenig uns selbst erkennen können. Aber im Alten Schauspielhaus wartet natürlich jeder auf den Auftritt von Johannes Heesters in der Doppelrolle als Gott der Herr und armer Nachbar. Würdevoll und doch so zerbrechlich wirkt der 105-Jährige mit seinem schlohweißen Haar, der im weißen Anzug auf einer Parkbank sitzt. Er deklamiert seine Worte geradezu, sodass sie im Raum hallen und es den Anschein hat, als schallten sie tatsächlich aus einer anderen, nicht mehr irdischen Welt zu uns herüber. Die schöne junge Frau im Punkoutfit, die den Kopf auf Heesters Knie gelegt hat, entpuppt sich als die Darstellerin des Todes. Diese Besetzung gegen den Strich und alle Erwartungen ist der eigentliche Coup der Inszenierung. Es rührt an, wenn Lisa Charlotte Friedrich schließlich Heesters beim Abgang von der Bühne stützt und begleitet. Die Todesbotin hat die Kraft und auch den Charme der Jugend, während Gottvater ein hinfälliger Greis ist. Mancher Satz aus Hofmannsthals Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenem „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ klingt in Anbetracht der Finanzkrise und der dadurch ins Bewusstsein gerückten Werteerschütterung erschreckend aktuell. Hemmerle macht diese Aktualität in seiner Inszenierung mit leisen Tönen deutlich erkennbar, indem er Konkretes und Allgemeines, heutige realistisch gezeichnete Charaktere und allegorische Figuren, Gegenwartsstück und mittelalterliches Mysterienspiel subtil und sinnfällig ineinander fließen lässt. Dass dieses Changieren zwischen den Ebenen manchmal fast wie magischer Realismus anmutet, wird befördert von der ins Geschehen auf der Bühne integrierten Live-Musik von Oliver Krämer. Hugo von Hofmannsthal: Jedermann |
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