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Wie im Märchen...

John Dews phantasiesatt bebilderte Darmstädter „Turandot“
Von Ulrike Lehmann

Mehr Mädchen als Diva: Die hartherzige, verbittert-tötende Prinzessin ist eben nicht nur – wie allzu häufig inszeniert – ein steif-kostümiert und erhaben-stilisierter hochdramatischer Sopran, der vor lauter Würde, Macht und Körperfülle zwar höchste Tonkunst von sich schmettert, die schauspielerische Beigabe jedoch häufig vermissen lässt, von menschlichen Emotionen ganz zu schweigen. Die Figur der Turandot bietet neben dieser opernimmanenten Dramatik jedoch auch und mehr noch das verletzte Mädchen, die Prinzessin, die tief vernarbten Verlustschmerz in sich trägt, seit ihr die Ahnfrau von Tartaren ermordet wurde. Dass dieser Schmerz ausgerechnet durch die Liebe eines tatarischen Prinzen Heilung erfährt, ist sicher das märchenhafteste an der ganzen Geschichte.

So erzählt uns die Darmstädter „Turandot“ von John Dew ein phantasiesatt bebildertes Märchen, in dem die Figuren ganz spielerisch agieren. Die dynamische Turandot verkündet ihre Rätsel auf Augenhöhe zu Kalaf und dem Volk, während ihre drei Minister keck neben des Kaisers (solide: Markus Durst) Stuhl hocken. Auch die vorherige Szene von Ping (David Pichlmaier), Pang (Sven Ehrke) und Pong (Lucian Krasznec) gelingt ganz famos, weil deren tänzelnd-choreographierte Erzählung wirklich betrübt: Dem trauernden Trio bleibt kaum Hoffnung auf friedvollere Zeiten. Auch der teuflisch-gute Timur von Thomas Mehnert und Lius herzzerreißend filigran gesungener Liebesselbstmord von Susanne Serfling sind lobenswerte Details.

Einzig sparsamer Mime ist Zurab Zurabishvili als Kalaf: Der ist ein eher bedächtiger Prinz, singt – das allerdings mit vortrefflich rein-süßem Schmelz – meist rampenah ins Publikum. Gegen seine Angebetete muss er halt Ruhe bewahren, denn Katrin Gerstenbergers Turandot erklingt kraftvoll, nicht schneidend und auch mal sensibel beherrscht. Eben ein Mädchen und keine Diva. Wenn Kalaf ihr dann im finalen Liebesduett die Kleider vom Leib reißt und der von Kälte Befreiten gar das Liebesgeständnis entlockt, muss Dew auf den unüblich langen Stückschluss (nach Puccinis Ableben beendete Franco Alfano die Oper) zurückgreifen, der die Entwicklung beider Figuren zueinander vollendet. Das ist schlüssig, wenngleich etwas plakativ gelöst. Aber der Abend unterhält auch durch ironische Momente, etwa wenn der Kinderchor mit Engelsflügeln herumschwirrt oder Kalaf bei „Nessun dorma“ aus der Dunkelheit neben Turandots Bett auftaucht. Die zuweilen fast scharfe, doch sehr prägnante musikalische Gestaltung des Abends durch Martin Lukas Meister unterstreicht die inszenatorischen Spitzfindigkeiten. Und fürs Märchenherz bieten die Bühne von Heinz Balthes und die Kostüme von José-Manuel Vázquez in überwiegendem rot-schwarz mit Tüchern und zwei Etagen die nötige Opulenz, die dem Zuschauer mal ein verdattertes (Engelsflügel der Kinder) und mal ein genießendes Fragezeichen (Glühbirnenteppich von oben) entlocken. Seufz!

Giacomo Puccini: Turandot
Staatstheater Darmstadt. Premiere: 14. 6. 2009
Informationen: www.staatstheater-darmstadt.de