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Spielerisch-barocke Oper geglückt

„Orlando Paladino“ in der Inszenierung von Aniara Amos in Braunschweig
Von Andreas Berger

Wer den alten Papa Haydn nur als strengen Sinfoniker kennt, der wird sich wundern über seine „heroisch-komische Oper“ „Orlando Paladino“. Zum 200. Todestag ließ das Staatsorchester Braunschweig unter Sebastian Beckedorf die spritzigen Arien, melodiösen Lamenti und zügig vorantreibenden Rezitative funkeln unter dem freien Himmel des barocken Schlosshofes von Wolfenbüttel. Deutsch gesungen und von der phantasievollen Regie und Ausstattung Aniara Amos‘ pointiert gelenkt, lässt sich die noch ganz barock verdrehte Handlung erfreulich mitvollziehen. Am nächsten steht uns dabei der mit Liebeswahn geschlagene Orlando, ein Paladin (Gefolgsmann) Karls des Großen. Mit seinen schmierigen Haaren, dem bleichen Gesicht mit Erdbeermund und traurigem Blick sieht er eher wie ein Bruder Klaus Kinskys aus. Thomas Blondelle singt ihn mit feinem, geschmeidigem Tenor. Ein Fisch ist sein ständiger Begleiter, auch Schwert-Ersatz. Und in seinem verwirrten Sehnen macht er sich auch schon mal über das Abbild seines Dieners Pasquale her.

Der sieht sich wie Don Giovannis Diener Leporello für den wahren Helden und Draufgänger an. „Wenn ich verliebt bin, werde ich zum Orchester“, sagt er und brilliert dann mit einer der witzigsten Arien der Oper. Er lockt immer mal wieder ein anderes Instrument seinem Gesang zur Seite, lässt mal laut, mal leise, mal schön, mal schief spielen und hält seinen Ton minutenlang. Malte Roesner geht dabei spielerisch wie singend ganz aus sich heraus und gefällt mit einem lyrisch klangvollen, kernigen Bariton.

Belohnt wird er mit Eurilla, die zwar nur Schäferin ist, aber von Rebecca Nelson mit ihrer so spielerisch leichten, bis in die höchsten Höhen füllig glitzernden Stimme gesungen wird. Die allseits Begehrte dieser Oper ist eigentlich Angelica, von Simone Lichtenstein mit flexiblem, lyrisch leuchtendem, in der Höhe etwas engerem Sopran geboten. Diese Dame befindet sich stets am Rande des Nervenzusammenbruchs und entsprechend oft ohnmächtig am Boden. Die Regisseurin arbeitet viel mit solch charakterisierenden Gags. Da stehen sich der selbstverliebte Medoro, den Spiegel in der Hand an der überhohen Lockenperücke nestelnd, wie der großspurige Ritter Rodomonte mit seinem überbreiten Schnurrbart eher selbst im Weg als Angelica zur Seite. Tobias Haaks singt den ersteren mit so angenehm klarem Tenor wie Henryk Böhm den letzteren mit kraftvoll auftrumpfendem Bariton. Angestochen wird das Geschehen von den Pfeilen des amorgleich geflügelten Clowns (Kenneth Bannon). Mit Entenschirm und Schmetterling, zielvoll andockendem Fisch in der Liebesarie und ebenso wirkungsvoll platzierter Boxfaust treibt es dem Höhepunkt zu. Wobei die dreh- und tragbaren Kulissenwände mal den schwarzen Fährmann Charon (Selcuk Hakan Tirasoglu), mal unfreiwillig die Leiter für die Hexe Alcina mit ihren üppig prangenden Brüsten sichtbar werden lassen. Sarah Ferede singt sie mit glanzvollem Mezzo. So entsteht der gewünschte Wanderbühnencharme.

Und weil die Regisseurin so schön gezeigt hat, wie hier jeder, beschäftigt mit seiner privaten Liebesphantasie, am Glück mit anderen vorbeiläuft, beginnen die Paare in dem allzu gewollten Happyend bei ihr gleich wieder zu streiten. Nur Orlando hat genossen, so vielerlei, und ist nun ruhig und froh. Starker Applaus für eine reizende, rundum geglückte Produktion.

Joseph Haydn: Orlando Paladino
Staatstheater Braunschweig. Premiere: 29.5.2009
Informationen und Termine: www.staatstheater-braunschweig.de