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Beziehungsanalyse

Michael Thalheimer mit Mozarts „Entführung aus dem Serail“ an der Berliner Staatsoper
Von Joachim Lange


Michael Thalheimer steht im Schauspiel für einen reduzierenden und dadurch verdeutlichenden Stil. Seine Ausflüge in die Oper sind schon wegen dieser optischen Kargheit und Verdichtung, die damit einhergeht, jedesmal ein Experiment. Zumal wenn er sich, wie jetzt an der Lindenoper in Berlin, Mozarts deutsche Singspielvariante vom Zusammenprall der Kulturen vornimmt. Natürlich hat seine „Entführung aus dem Serail“ nichts Folkloristisches. Sie ist auch kein Aufreger-Actiontheater, wie es Bieito an der Komischen Oper damit entfesselt. Doch nimmt er es ebenso ernst wie sein spanischer Kollege nebenan. Nur richtet er seinen Fokus geradezu unnachsichtig auf die angeknacksten Paarbeziehungen, für die die Ausnahmesituation der Entführung, die trotz der latenten (Bassa) oder offenen Gewaltandrohung (Osmin) für die beiden Frauen eben auch zu einer Verunsicherung ihrer nach außen stets behaupteten Treue führt.

Die Bühne von Olaf Altmann setzt dabei auf ein Oben (schmaler Ausschnitt für den Bassa in der Palast-Höhe) und Unten und wird im Quartett vor dem geplanten Fluchtversuch zu einer Art Beziehungsanalyse, in der sowohl Belmonte und Konstanze (oben) als auch Blonde und Petrillo (unten) den denkbar größten Abstand voneinander haben. Da spricht dann ein szenisch gänzlich ungestörter Mozart. Thalheimers auf die musikalische und schauspielerische Ausstrahlung der Figuren – weniger auf deren sparsam ausformulierte Interaktion – konzentrierte Analyse des Innenlebens, der Ängste und Verunsicherungen, vermag zu packen, weil er das Potenzial seiner Protagonisten dafür auszuschöpfen versteht. Geradezu sensationell berührend gelingt das Pavol Breslik als blondem Belmonte, der im weißen Anzug vom Zuschauerraum aus ins Spiel eindringt. Es gelingt aber auch Christine Schäfer, bei der Widerstandswillen und Verunsicherung zum Habitus werden und die mit ihren „Martern aller Arten“ den gefährlich gefassten Bassa (Sven Lehmann) aus der Fassung bringt. Auf etwas bodenständigerer Ebene behauptet sich die flotte Blonde Anna Prohaska gegen den profund prolligen Osmin (Marizio Muraro) ebenso wie gegen Pedrillo (Florian Hoffmann). Am Ende wirft Bassa den Gefangenen ihre Befreiung vor die Füße und geht, noch bevor die ihre Sprache wiederfinden. Gnade als Waffe in einem Kampf, der unentschieden bleibt. Diese spannungsgeladene, reduzierte Szene beleuchten Philippe Jordan und die Staatskapelle in produktivem Dialog mit der Bühne mit einem hinreißend geschmeidigen, transparenten Mozartton.


Wolfgang Amadeus Mozart: Die Entführung aus dem Serail
Staatsoper Unter den Linden, Berlin. Premiere: 7.6.2009
Informationen und Termine: www.staatsoperberlin.de