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Schöne Irrtümer

Thomas Bischoff inszeniert am Deutschen Theater Göttingen „Familie Schroffenstein“
Von Detlev Baur

Wenn das kein Bildertheater ist! Die Vorderkante des Proszeniums in Göttingens klassizistischem Deutschen Theater ist am Boden weitergeführt und wirkt so ausdrücklich als großer goldener Bilderrahmen. Dahinter hängt noch ein kleinerer Rahmen von der Decke; zudem sind auf zwei teilweise herabgelassene, die Bühne abschließende Prospekte perspektivische Räume einer Bildergalerie gemalt. In Isabelle Krötschs Ausstattung für Kleists „Familie Schroffenstein“ dominieren längst aus der Mode gekommene Theaterdekorationen. Auch werden zuweilen am Bühnenrand hoch aufragende, bemalte Felsformationen oder düstere Pappbäume über den Schachbrett-Boden gehängt. Die Personenregie von Thomas Bischoff ist zurückgenommen, fast opernhaft reduziert und stilisiert – und dabei doch keineswegs altmodisch oder hohl. In diesem Rahmen bewältigt das Göttinger Ensemble die gleichsam gebirgig-schroffe Sprache in Kleists Familien-Hass-Spiel bemerkenswert souverän.

Die außergewöhnliche Leistung der Regie besteht jedoch in der Verbindung von den zweidimensionalen Bildern mit der messerscharfen Sprache in den Figuren selbst. Die beiden Familienväter, der durchweg verblendete Rupert (Meinolf Steiner) und Sylvester (Florian Eppinger), der erst allmählich und durch seine Frau (Julia Hansen) zum Hass getrieben wurde, erkennen am Ende ihre verkleideten eigenen Kinder nicht und ermorden sie. Die falsche, so flache Sicht auf die mehrschichtige Welt kostet sie viel – ihr eigen Fleisch und Blut. Ottokar (Benjamin Berger) und Agnes (Marie-Isabel Walke) waren zuvor kein „romantisch“ ihren Familien entkommendes Liebespaar, sondern übernahmen vielmehr in ihrer gefährlichen Verbindung die unausgewogenen Emotionen der Elternhäuser – als scheine in dieser Romeo-und-Julia-Variation schon die (von Kleist später dramatisierte) tödliche Liebe einer Penthesilea auf.


Heinrich von Kleist: Die Familie Schroffenstein
Deutsches Theater in Göttingen. Premiere: 18.4.09
Informationen und Termine: www.dt-goettingen.de