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Der Weg ist das Ziel In der Bühnenmitte auf dem Boden ein aufgemaltes rotes Kreuz. Ein zentraler Ort, den man erobern und besetzen kann. Sich ausdehnen und die anderen vertreiben, Macht ausüben einfach durch Anwesenheit. Wo beginnt die Sphäre des Ichs, wo endet sie? Athletische Breaktänzer und Parcoursläufer aus Kasachstan sind die Stars des Tanztheaterabends in Kassel, wenn sie mit geschmeidiger Artistik und tänzerischen Sequenzen ihren Körper einsetzen Sprünge, Drehungen, Übereinander-Rollen ganz nah am Boden. Drei Kita-Kinder erproben sich mit einem großen Gymnastikball, Girlies lernen in High Heels den Raum zu besetzen. Dazu singen türkische Frauen und Musiker geben mit Bass, Bandoneon und Saz (Musik- und Klanginstallation: Berthold Meyrhofer, Gunter Fuhr, Christine Weghoff und DJ John-Daniel Tömör) melancholisch-meditative Rhythmen vor. Bilder schieben sich übereinander, Pose und Bewegung, Skurrilität und Witz. Unter dem Titel „Raumbefragung. Posen für die Macht“, der auf das Spielzeitmotto „Macht. Rausch“ Bezug nimmt, hat am Staatstheater Kassel die ambitionierte Tanz- und Theaterpädagogin Sabine Simon zusammen mit Dramaturg Horst Busch ein interkulturelles Projekt entwickelt, das von der Bundeskulturstiftung der Länder gefördert wurde. Ein Jahr Arbeit und Proben mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen, mit 30 Akteuren unterschiedlichster Herkunft und Sozialisation: Kinder, junge Frauen, Breaktänzer, Schauspieler und Studenten der Kunsthochschule. Im Bühnenbild von Jens Terlinden, zwischen zehn Meter hohen Stahlgerüsten, Schränken, Stühlen, zwischen Eisschrank, Badewanne und einem Sandstrand, entstanden so Bilder unserer Welt, unserer Gesellschaft, die stets auch eine Frage der Positionierung aufwerfen. Vorn am Bühnenrand im Sand stehen smarte Anzugmenschen (die Schauspieler Christian Sprecher, Marie-Claire Ludwig, Max Engelke und Thomas Sprekelsen) und sprechen Texte zur Corporate Identity. „Wenn der Markt überquillt vor Informationen, muss man Profil zeigen“, sagt einer kalt, und hinter ihm stören sich die Menschen wenig um das so pathetisch Gesagte. Sie haben ihre eigene Sprache, Profil zu zeigen. „Das wichtigste ist, zu entscheiden, wofür man steht, was man darstellt, was für einen wichtig ist und was man wert ist.“ Theater ist immer auch Poesie. Wie hier assoziative Bilderketten entstanden, wie unter der sensiblen Arbeit von Sabine Simon unterschiedlichste Gruppierungen an das Theater herangeführt wurden, war ein Ereignis, das so recht unter den Titel „Heimspiel“ der Bundeskulturstiftung passte. Die Videoaufzeichnungen im Hintergrund der Bühne zeigen lachende Kindergesichter, das Raumprojekt weitet sich schließlich bis ins Schauspielfoyer aus, wo Aufzeichnungen der Proben mit Interviews (Filmrealisation: Mustafa Günda) laufen. Ein Abend, der von der Raumästhetik über Tanz, Schauspiel bis hin zur Musik und den neuen Medien alles bediente. So interdisziplinär, interkulturell, anspruchsvoll und poetisch ist Theater nicht immer. Das Publikum, mal ein ganz anderes als sonst, war begeistert. Und vor allem waren es die Mitwirkenden dieses Abends. Der Weg ist das Ziel. Theater ist für sie nicht mehr ein Elfenbeinturm, es kommt für sie mitten aus ihrem Leben. |
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