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Erst der Skandal, dann die Flaute Die im Vorfeld heiß diskutierte Kölner „Samson et Dalila“ entpuppt sich als wenig aufregend Nein, die Kölner „Samson“-Inszenierung von Tilman Knabe stand von Anbeginn unter keinem guten Stern: Erst meldeten sich dutzende Chorsänger wegen der grausamen, psychisch belastenden Szenen krank, dann stiegen die weibliche Hauptdarstellerin und weitere Ensemblemitglieder aus den gleichen Gründen aus. Zuletzt musste die medial hochemotional diskutierte Premiere verschoben werden, weil die erst wenige Wochen zuvor eingesprungene Ursula von den Steinen erkrankt war. Ihre stimmliche Gesundung blieb jedoch aus und am Premierenabend lieh die spontan eingeflogene russische Mezzosopranistin Irina Mishura von der Seitenbühne ihre Stimme der stumm agierenden Dalila. Das war die musikalisch wohlschmeckende Star-Praline eines Abends, der ansonsten eher durch fade Beliebigkeit führte. Sicher, es gab sie, die heiß diskutierten Massenvergewaltigungen und Erschießungen. Doch wenn im 1. Akt die Gruppe der Hebräer eine frontal auf sie zu rennende Gruppe Soldaten-Philister erschießt, erinnert das eher an eine „Hot Shots“-Parodie als an authentische Kriegsbilder. Und bei den folgenden Gewaltszenen in Slow-Motion und grünem Flutlicht (übrigens wirken die meisten Lichtwechsel recht unbeholfen und mit dem Holzhammer) stellt sich die Frage, wie viele dieser Bilder auf Druck von außen abgeschwächt und durch eine szenische Umarbeitung an Intensität verloren haben. Im zweiten Akt deutet sich dann an, weshalb Dalila 1 abgesprungen und Dalila 2 erkrankt ist: Die Verführungsszenen der Liebesheuchlerin finden in einem türkisfarbenen Barbie-Schlafzimmer statt, in dem der blonde Vamp Dalila beständig seinen mit einem Hauch von Nichts und Strapsen bekleideten Traumkörper wackeln lässt. Die Philisterin Dalila will den Hebräer Samson mit ihren Reizen verführen, um ihm das Geheimnis seiner Kräfte zu entlocken, sein Volk besiegen und ihr eigenes rächen zu können. Als Dalila schließlich erfährt, woraus sich Samsons Kraft schöpft, schneidet sie ihm nicht die voluminöse Haarpracht ab, wie es das biblische „Buch der Richter“ erzählt, sondern sein Glied als Symbol von Männlichkeit und Stärke. Diese Reduktion auf sexuelle Macht als beherrschende Kriegswaffe mag zwar konsequent gezeigt sein, doch geht sie am Grundkonflikt der biblischen Handlung zweier bis aufs Messer religiös-zerstrittener Völker vorbei. Und wenn Samson dann bei „Mon Coeur s'ouvre á ta voix“ wie ein großer Knuddelbär heulend auf dem Bettchen neben Dalila sitzt, ist das eher lächerlich. Ray M. Wade jr. gibt einen tenoral weichen und klaren Samson, der sich alle Mühe gibt, im szenischen Großchaos seinen Helden zu stehen. Ein Kämpfer ist er nicht. Ursula Hesse von den Steinen verausgabt sich zumindest mimisch total und man darf gespannt auf ihre vokale Premiere sein. Das Kölner Gürzenich Orchester unter dem Niederländer Enrico Delamboye musiziert ruhig, gelegentlich klappert’s, aber man kostet die emotionalen Höhepunkte der Partitur bedächtig aus. Knabe entwirft keine weltbewegend neue Perspektive zum Stoff, dessen politische Aktualität ohnehin präsent ist. Er zeigt ganz allgemein die Brutalität menschlicher Hasstiraden. Im dritten Akt gibt es starke Bilder, wenn die schwarz in Schale geschmissenen Philister eine riesige Sauf-Party schmeißen, während am vorderen Bühnenrand die nackten Hebräer geschunden werden. Weniger die missbrauchte Nacktheit erschreckt hier als der Kontrast zum exzessiven Vergnügen daran. Solche Bilder lassen ahnen, wie diese Inszenierung weniger hektisch umgeplant und von einer kommunikationsfähigen Opernleitung geführt hätte wirken können. Das Kölner Publikum feiert den Abend mit ekstatischen Bravorufen, scheinbar erleichtert ob des ausgebliebenen Skandals. Camille Saint-Saëns: Samson et Dalila |
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