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Ein sakrales Spiel vom Glauben, Sterben und Bangen Es ist die Stärke zeitgenössischer Choreographen, quasi im leeren Raum aussagekräftige Konstellationen zu schaffen. Für Opern, die nicht dem Verismus und damit einem schauspielähnlichen Realismus folgen, sind Choreographen als Regisseure daher oft eine perfekte Lösung, weil sie ohne falschen Aktionismus doch zu Bildern kommen, in denen die Stimmung der Personen spürbar wird. Reinhild Hoffmann, eine der großen Damen des Tanztheaters, war dies zuletzt mit dem Bremer „Tristan“ gelungen. In Kassel inszenierte sie nun Francis Poulencs „Dialoge der Karmeliterinnen“. Auf Sabine Böings leerer schwarzer Bühne nutzt sie eine Anzahl von hohen Stühlen, um die Phasen von Gemeinschaft und Vereinzelung auszudrücken, die die junge Novizin Blanche bei den Karmeliterinnen auf dem Höhepunkt des Terreurs der Französischen Revolution durchlebt. Im Vorspiel wird Blanche aus einem von Männern geschaukelten Stuhl in die Welt geschleudert, die Zeit ihrer Verunsicherung beginnt. Noch thront ihr Vater und meint, die Aufstände werden vorübergehen. Blanche aber zieht sich ins Kloster zurück. Die Schwestern sitzen hier in Reih und Glied, oder sie bilden einen Stuhlkreis, während abgeschieden von ihnen, so allein wie nur je ein Sterbender sein kann, die einst glaubenssichere Priorin stirbt. In der katholischen Philosophie der Autoren Georges Bernanos und Gertrud von Le Fort stirbt sie den angstvollen Tod, der der stets ängstlichen Blanche hätte zukommen müssen. Und tatsächlich wird diese am Ende stark und gefasst die Gemeinschaft der Schwestern suchen, die auf die Guillotine gebracht werden. Das ist auch in Kassel die stärkste Szene, wenn die Nonnen hinter den Stühlen eine Reihe bilden, zum Salve Regina eine nach der anderen durch die einzige Lücke tritt, mit dem nur akustischen Guillotinenbeil ihr freigewordener Stuhl fällt. Doch das Stück hat auch in Hoffmanns protestantisch klarer Erzählweise so seine Längen, da die französisch gesungenen Dialoge über Glaubensfragen mühsam in den Übertiteln mitgelesen werden müssen und sich kaum szenisch ausdrücken lassen. Ein gemaltes Kreidekreuz, von den Revolutionären umgeworfene Stühle, rituelles Deckenfalten, das bleibt alles konsequent karg und existentiell. Etwas mehr expressive Kontur hätte Dirigent Patrik Ringborg den Dialogen geben können. Ruhig und unangefochten strömt Poulencs Musik bei ihm dahin. Anrührend zeichnet Nicole Chevalier mit ihrem feinen Sopran die Gefühlsschwankungen der Blanche nach. Leuchtend schön auch die Stimme von Bettina Jensen als neue Priorin, während Cornelia Dietrich als ihre sterbende Vorgängerin vor allem durch Charakterzeichnung für sich einnimmt. Monika Walerowicz gestaltet mit energischem, doch nie schroffem Ton die strenge Mutter Marie. Das Ensemble überzeugt auch insgesamt in diesem Spiel vom Glauben, Sterben und Bangen ganz ohne Sakral-Pop. |
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