|
Kein Blut, nur Rotwein Das politische Musiktheater „Des Landes verwiesen“ am Theater Bonn
Die Stärke von Florian Lutz‘ Inszenierung des Musiktheaters „Des Landes verwiesen“ von dem 1928 in Santiago de Chile geborenen, heute in Deutschland lebenden Komponisten Juan Allende-Blin und dem Librettisten Jean Pierre Faye liegt darin, dass sie so geschickt mit unserer historischen Distanz zum Stück umgeht. Aufgrund persönlicher Erfahrungen mit südamerikanischen Diktaturen und angetrieben von der Auseinandersetzung mit der deutschen NS-Vergangenheit arbeiten sich die beiden Autoren in ihrer 1978 entstandenen konzertanten und szenischen Aktion (Untertitel) am Thema der politischen Verfolgung ab. Doch so ganz passt das Pathos, mit dem hier auch in der düsteren, fein strukturierten, von drohend-bohrenden Dissonanzen und wildgezackten Ausbrüchen dominierten Musik der Impuls der gesellschaftlichen Empörung in die Zuhörerschaft getragen werden soll, nicht mehr in unsere saturierte, aufs Private fixierte Zeit. Genau damit setzt sich der 1979 in Köln geborene Florian Lutz im Malersaal der Halle Beuel, einer Außenspielstätte des Theaters Bonn, auseinander. Wo Fayes Libretto von Bücherverbrennung, Emigration, Mord handelt, da zeigt Lutz eine Abendgesellschaft. Die Zuschauer sitzen auf einer steilen Empore und schauen hinab zunächst auf das achtköpfige Kammerensemble unter Christopher Sprenger, dahinter erstreckt sich eine Tafel bis zu einer Mauer aus weißen Pappquadern, ein Kaminfeuer flackert, die Dame des Hauses trägt auf und der Gastgeber ist an der Tafel zusammengesunken, sein Kopf liegt in einer roten Lache. Aber das ist nicht etwa Blut, sondern Rotwein. Denn in dieser Wohlstandsgesellschaft ist politisches Engagement längst keine Sache auf Leben und Tod mehr. Es ist Smalltalkthema. Die beiden Gastgeber und das bald eintreffenden Gastpärchen hinterfangen Fayes Text und Allende-Blins Musik mit feinen Plaudergespinsten („…also mich stört’s nicht…“), trinken ihren Wein, lesen mäßig neugierig in den zur Verbrennung bestimmten Büchern. Fayes Text handelt von Albert Ehrenstein, Carl Einstein und Erich Mühsam. Lutz zeigt uns in seinen Rotwein-Intellektuellen deren heutige Wohlstandsnachfolger, die immer mal wieder in die Rollen und Kleider ihrer Vorgänger schlüpfen. Und dieser Vergleich fällt abgesehen davon, dass Gott sei dank die Zeiten von Mord und Verfolgung in Deutschland vorüber sind für die Nachfolger nicht unbedingt schmeichelhaft aus. Gleichwohl hat Lutz den Ehrgeiz, einen politischen Impuls zu geben. Nachdem die Protagonisten zunächst sozialistische Parolen auf die Pappquader gemalt und diese dann nach und nach aus der Mauer herausgezogen hatten, nachdem durch diese Demontage des Sozialismus die Quaderwand zusammengebrochen war nach diesem sehr spektakulären „Mauerfall“ also werden die Zuschauer auf die Bühne gebeten und sollen nun im wiedervereinigten Volk der Besucher und Künstler ihre eigene Haltung finden. Das ist pfiffig gedacht, verpufft aber doch in einem etwas unbekümmerten Mitmach-Happening. Trotzdem: eine starke kleine, vom Fonds neues Musiktheater des Kultursekretariats NRW geförderte Produktion, die in Andrea Kannapees sparsamer, aber atmosphärischer Ausstattung intelligent mit der Offenheit der Theaterform spielt. Allende-Blins Musik war beim Beethovenorchester-Oktett in guten Händen, als musikalischer Sohn der Gastgeber spielte der Pianist Tobias Engeli in jeder Hinsicht überzeugend, Anjara I. Barz und Mark Rosenthal waren ausdrucks- und ausstrahlungsstarke Sänger, die Schauspieler Birte Schrein und Roland Silbernagel jonglierten geschickt mit ihren verschiedenen Rollen und der reflektierenden Distanz zu denselben. Viel Beifall. |
|||