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Der Sieg der Nachgeborenen Am Theater Lübeck erzeugt derzeit nicht nur das Aufeinandertreffen von Richard Wagners „Ring“ mit bühnenadaptierten Werken Thomas Manns theatralische Spannungen. Auch die dichte Premierenfolge von Othmar Schoecks Opernrarität „Penthesilea“ auf Richard Strauss’ Renner „Salome“ darf als intelligente Programmdramaturgie gewertet werden. Wer den Schweizer Schoeck als gemäßigten, primär Liedlyrik zugeneigten Komponisten ohne rechten Biss einschätzt, legt im 1927 in Dresden uraufgeführten Einakter „Penthesilea“ die Ohren an. Mit ganz eigenständigem Sound und oft eisig moderner Strenge wird hier die klassizistisch gefasste Titelfigur im Gemetzel um Troja zur nachgeborenen Schwester der Tochter von Herodias, mehr noch von Elektra. Während Philippe Bach im Lübecker Graben präzise die bläserlastigen Härten der Partitur in Stellung bringt, entdeckt der Regisseur Alexander Schulin das ätzend Zeitlose, das unverändert Gültige im Libretto-Destillat von Kleists Trauerspiel. Penthesilea, ein brennend aufrührerisches Alphaweib, hier Wortführerin in einem militärisch strengen Mädchenpensionat aus der Entstehungszeit der Oper, zieht in den Kampf gegen alle männlichen, vom Smoking bemäntelten Warmduscher. Als diese Amazone ausgerechnet dem Feindbild Achilles (Gerard Quinn) verfällt, ihr Hochmut von Liebe zerstäubt wird, gerät sie völlig aus den Fugen und steigert sich in einen alles und sich selbst vernichtenden Blutrausch. Die Mezzosopranistin Anne-Carolyn Schlüter gestaltet die kleinen und großen Stimmungsumschwünge der Titelpartie grandios, wälzt lustvoll und artikulationsscharf die überbordenden Kleist-Sätze, geizt weder mit schön gerundeten noch abgrundtief schauerlichen Tönen. Wie Satelliten bewegt Regisseur Schulin den Chor und die anderen Figuren, darunter die allemal singschauspielerisch starke Prothoe von Anna Baxter, um dieses enorme Kraftfeld herum. Die Bewegungsdisziplin des letzten, todessehnsüchtigen Tangos in unwirtlicher Betonwüste wird zum Pars pro toto der konsequent gesteuerten Personenführung insgesamt. Elektrisierender kann ein pausenloser 90-Minuten-Abend jedenfalls nicht gelingen. Im Fall von Strauss’ „ Salomé“ liegt der Lübecker Fall gleichwohl anders. Der Chef des Hauses, Roman Brogli-Sacher träumt einen Traum, den im Geiste Karajans schon verschiedene Dirigenten vergeblich geträumt haben. Die Einheit von Szene und Musik herzustellen, indem der musikalische Leiter auch die Regie übernimmt, funktioniert nicht. Zwar lässt Brogli-Sacher das Orchester wunderbar ekstatisch lodern und vielfarbig schillern, hat er in Manuela Uhl eine stimmlich faszinierend biegsame Salome, in Antonio Yang einen überaus imposanten Jochanaan und in Matthias Grätzel einen irrlichternd greinenden Herodes engagiert. Letztlich findet er auch im Bühnenbild (Ulrike Radichevich, Ausstattung; Klaus Emil Zimmermann, Licht-Design), angelehnt an Paul Klees „Ad Parnassum“, eine stimmig changierende Chiffre. Leider versagen ihm in Sachen Personenregie dann doch die gestalterischen Kräfte. Übrig bleibt so etwas wie eine frühe Stellprobe in einem ansehnlich ausgestatteten Sandalenfilm. Gegen die große Tragödin Penthesilea hat die schwer erziehbare Jugendstil-Schlange Salomé diesmal keine Chance. Richard Strauss: Salomé |
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