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Gewalt und Leidenschaft

Christoph Willibald Glucks „Armida“ an der Komischen Oper Berlin
Von Joachim Lange

Berlin sei „arm aber sexy“, so hat der Regierende Bürgermeister aus dem Dilemma der deutschen Hauptstadt, zwischen Finanzdesaster und Kreativitätspotential, eine griffige PR-Formel gemacht. Für den Teil sexy ist bei den Opernhäusern ziemlich eindeutig die Komische Oper zuständig. Denn Andreas Homoki ist mit seinem Haus in Berlin auch deshalb so erfolgreich, weil er Regisseuren wie Calixto Bieito freie Hand lässt. Mit seiner Berliner „Entführung aus dem Serail“ wurde der Katalane 2004 endgültig berühmt. Und natürlich hat es jetzt auch seine Version von Christoph Willibald Glucks heroischem Fünfakter „Armida“ (1777) in sich. Bei Bieito umweht die einst so viel veroperte Geschichte dieser kämpferischen Zauberin, die sich wider Willen verliebt, keine Spur von falschem Respekt vor der barocken Ausgrabung. Er zelebriert auch keine Zauberoper, die etwa Lullys oder Händels diverse Vorarbeiten in Richtung Mozart weitertragen würde. Stattdessen macht er aus Glucks spätem und kühnem Wurf eine Studie über die Liebe. Oder besser: über die brodelnden Obsessionen, die einer Erfüllung von Liebe immer wieder in die Quere kommen.

Optisch ersetzen Bieito und sein Team (Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Ingo Krügler) die barocke Opulenz durch einen kühl gestylten Außen-Innenraum, der entfernt an ein modernes Atrium erinnert; vor allem aber durch mehr als ein Dutzend männliche Objekte der Begierde Armidas und ihrer beiden Freundinnen Phénice und Sidonie. So viel nackten, männlichen Knackarsch gab es wohl noch nie auf einer Opernbühne. Und es geht auch ziemlich zur Sache in allen Variationen. Einen Hauch von Oper als Softporno oder Peepshow hat das schon (reicht immerhin für eine „ab 16“ Jahre Empfehlung). Aber natürlich nicht nur.

Bei Bieito ist nackt eben nicht aufgesetzter Schocker oder peinlich, sondern gehört zu dem, was er erzählen will. Dabei freilich fahndet er unnachgiebig auch nach dem, was vom Bauchnabel abwärts die Menschen an- und umtreibt. Und auf der Bühne greifen sie dann auch dorthin. Hier haben (zunächst jedenfalls) die Frauen die Macht. Und die sind im Krieg der Geschlechter keinen Deut besser als die Männer. Man nimmt sich, wen man will und so oft man will. Widerstand zwecklos, sonst gibt’s Schläge. Rinaldo wird für Armida zum Problem, weil sie sich in ihn verliebt, er sich aber nicht aus seiner martialisch kämpferischen Welt losreißen kann. Hier erschießt sie ihn und entschwindet dann im musikalischen Nirvana.

Die eigentliche Sensation dieser Produktion ist aber, dass sich der Alte-Musik Spezialist Konrad Junghänel am Pult des Orchesters der Komischen Oper, das so lustvoll präzise, bühnenorientiert und sinnlich aufspielt wie schon lange nicht, alsbald gegen die handgreifliche Opulenz der Bühne durchsetzen bzw. mit ihr auf eine wundersame Weise kooperieren kann. Hier merkt man, dass alle nicht nur am gleichen Strang, sondern auch in die gleiche Richtung gezogen haben. Maria Bengtsson triumphiert als Armida, Maria Gortsevskaya ist als „Haß“ fulminant, Olivia Vermeulen und Karoline Andersson assistieren Armida überzeugend. Peter Lodahl als Rinaldo und seine Kumpanen Thomas Ebenstein als dänischer Ritter und Günter Papendell als Ubaldo behaupten sich nicht nur stimmlich gegenüber der geballten Frauenpower, sie bestehen auch darstellerisch gegen die massiv zu Markte getragene Männlichkeit in diesem faszinierend furchterregenden Tempel der entfesselten Obsessionen. Viel Jubel für alle Beteiligten.

Christoph Willibald Gluck: Armida
Komische Oper Berlin. Premiere: 5.4.09
Informationen und Termine: www.komische-oper-berlin.de