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Bemerkenswert versierter Tonsatz

Wagners Erstlingsoper „Die Feen“ als Französische Erstaufführung in Paris
Von Frieder Reininghaus


Um den „Fall Wagner“ zu bewältigen, hat sich im 20. Jahrhundert das Stereotyp eingebürgert, „keiner habe schlechter angefangen“ als der Kapellmeister aus Leipzig, dem keine nennenswerte professionelle Ausbildung zuteil wurde. Wie unzutreffend (und ideologisch genährt) diese Zuschreibung ist, demonstriert die ab und zu unternommene Reaktivierung seines ersten dramatischen Versuchs, der zu einem greifbaren Ergebnis führte: „Die Feen“. Das Libretto des 19-Jährigen knüpft an Carlo Gozzis Fabel „La donna serpente“ an: Ein König setzt bei einer Jagdpartie einer Hindin nach, taucht dabei in einen Fluss und ein phantastisches Jenseits. Dort verwandelt sich die Gejagte in die schöne Ada, die der Herr sogleich begehrt. Er erhält sie vom Feenkönig unter der Auflage zur Frau, dass er acht Jahre lang nicht danach fragt, wer sie sei (doch wie später Elsa im „Lohengrin“ vermag auch er diese Bedingung nicht zu erfüllen). Das Textbuch des Komponisten ist nicht schlechter als die diverser Undinen-Opern im frühen 19. Jahrhundert – und die Musik bewegt sich im oberen Drittel dessen, was damals für die deutschen Stadt- und Hoftheater angeliefert wurde. Die Anlehnungen an Weber, Marschner, Meyerbeer und Donizetti belegen, wie sehr der junge Wagner „auf der Höhe der Zeit“ war.

Marc Minkowski engagiert sich – ebenso wie die Musiciens du Louvre-Grenoble – im Théâtre du Chatelet für einen intensiven und vitalen Zugang zu dieser Vormärz-Musik. Einige Details geraten nicht ganz akkurat, das Ganze freilich höchst lebendig. Mit der Berliner Sopranistin Christiane Libor als transformierter Hirschkuh steht der Produktion eine wuchtige Persönlichkeit zu Verfügung (von der kommenden Saison an soll sie beim neuen Pariser „Ring“ eine zentrale Rolle spielen). Nicolas Testé gibt den Feenkönig mit Stentorstimme. William Joyner profiliert sich mit rundem Wohlklang als romantisch verliebter Aussteiger, der seinem etwas rückständigen Land Tramond den Hörselsee der schönen Nixen vorzieht (wer wollte es ihm verdenken!). Und dass er über den Widersprüchen zwischen seinem Regierungsjob und der wie auch immer zustande kommenden Entrückung in bessre Märchenwelten schier irre wird – auch das ist nachvollziehbar.

Emilio Sagi unternimmt nichts, um die psychoanalytisch wie theaterhistorisch interessante Geschichte von Ada und Arindal neu zu lesen. Der Regisseur ließ sich ein dunkel-marmornes Quadrat auf die Bühne setzen, zu dem vier Stufen hinauf führen. Dort läuft die ganze Handlung wie eine italienische Fernsehpreis-Inszenierung ab. Das Problem des heutigen Umgangs mit dem Werk liegt darin, dass es sich um eines jener Fantasy-Produkte im Gefolge des „Oberon“ handelt, die zwar in Hollywood eine bunte Nachfolge gefunden haben, aus dem Kanon der ernstgemeinten Opernproduktionen jedoch ausgeschieden sind. Szenisch radikal offengelegt als erster kühner Entwurf zu einer Kunst- und Lebens-Dramaturgie, die Richard Wagner fünfzig Jahre lang weiterverfolgte, könnte es einen spannenden Theaterabend ergeben.


Richard Wagner: Die Feen
Pariser Théâtre du Châtelet. Premiere: 27.03.09
Informationen und Termine: www.chatelet-theatre.com